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Klappentext:

 

Ein Vertrag.

Zwei Seiten.

Drei Personen.

Die erste Todsünde.

 

Himmel oder Hölle?

Leben oder Tod?

 

»Du hast verloren, Avery. Jetzt gehört ihr mir!«

 

 

 

 Textauszug:

//»Nein! Verdammt! Nein! Nein! Nein!« Jedes seiner Worte schallte wie ein Donnergrollen durch den Wald. Blitzschnell richtete Nox seine Aufmerksamkeit auf einen der massiven Bäume und schlug mit beiden Fäusten mehrmals mit erschreckender Intensität und Geschwindigkeit darauf ein. »Das ist deine Schuld! Wenn ich nicht deinetwegen in den Tunnel zurückgemusst hätte, wäre das nicht passiert!« Seine Augen loderten gleißenden hell auf und ich wich zurück. Noch nie zuvor hatte ich eine solche Angst vor ihm gehabt. »Ich wollte dich von Anfang an nicht dabeihaben, weil ich wusste, dass du mir nur im Weg stehen würdest.« Er folgte mir. »Ihr Menschen seid nur Ballast«, spie er mir fauchend entgegen und sein heißer Atem prickelte auf meiner wunden Haut. »Am liebsten würde ich dich hier stehen lassen und in die Menschenwelt zurückgehen, um die letzten Stunden meines Daseins mit willigen Frauen zu verbringen. Aber nein, stattdessen muss ich den Babysitter für dich spielen!«

»Was ist denn los? Wieso bist du auf einmal …« … so grausam … »… ein noch größerer Arsch als sonst?«

»Was passiert ist?« Nox schnaubte herablassend und verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen. Sein Blick bohrte sich wie ein Assassindolch in meinen. »Die Fee ist verschwunden! Der einzige Grund, weshalb wir überhaupt an diesem Ort sind und unser Leben riskieren, ist abgehauen!«// 

 


Lesermeinungen

Einfach der Hammer

»Ich bin hin und weg. Wer dachte das Exordium schon toll ist, wird Superbia anbeten *_*«

Caro Riering von Kaylies life of Books

 

Grandiose Mischung! Must-Read!

»Superbia“ übertrifft seinen Vorgänger. Die Protagonisten gewinnen weiter an Tiefe, wachsen über sich hinaus und dem Leser weiter ans Herz. Lana Rotaru bricht mit gängigen Klischees und entführt uns in eine fantastische Welt. Spannung, Action, Gefühle. Eine grandiose Mischung. Eine Prise Humor und eine Tasse Spaß am Leser quälen machen dieses Buch unverwechselbar.«

Jana Wönkhaus von Jays Mixtape

 

Genialer Wahnsinn - eine grandiose Fortsetzung der Deadly Sin Saga ...

»Nicht nur dass der Schreibstil auch dieses Mal wieder göttlich ist, die ganze Geschichte wirkt reifer und erwachsener als ihre vorherige Fantasy Trilogie. Man merkt der Autorin an, dass sie selbst an sich und ihren Aufgaben gewachsen ist. Daher würde ich diesem Buch den Stempel "bestes Werk der Autorin" geben.«

Ricarda Sewina von Tasty Books

 


Leseprobe

 

Was bisher geschah …

 

Mein Name ist Avery Marie Harper und bis gestern dachte ich, ich sei eine ganz normale Highschool-Schülerin. Doch dann erfuhr ich von Dingen, die außerhalb meiner Vorstellungskraft lagen. Zum Beispiel ist mein bester Freund Adam ein Engel. Mein Schutzengel, genau genommen. Er wurde auf die Erde geschickt, um auf mich aufzupassen.

Wieso?

Weil mein Vater, der mich und meine Mum vor zwölf Jahren verließ, meine Seele an den Teufel verkauft hat, um seine Schauspielkarriere anzutreiben. Der Vertrag sollte pünktlich an meinem achtzehnten Geburtstag mit meinem Tod in Erfüllung gehen, doch als der dämonische Kopfgeldjäger Nox kam, um meine Seele einzukassieren, klärte mich Adam auf, es gäbe eine Klausel, die mir die Möglichkeit bot, um meine Freiheit zu kämpfen. Dafür muss ich sieben übernatürliche Prüfungen bestehen und anschließend gegen Luzifer persönlich antreten.

Leider wurde mir der Haken an der Geschichte erst offenbart, nachdem ich den Prüfungen zugestimmt hatte. Dank mir verloren Adam und Nox ihre jeweiligen Fähigkeiten sowie die Unsterblichkeit. Gemeinsam mit mir sind auch sie nun an die Prüfungen gebunden. Das bedeutet: Wenn einer von uns dreien stirbt, landen wir alle für immer im Höllenschlund.

 

 

 Eins ~

 

»Ich fragte dich, seit wann du Feen sehen kannst, Ave?!« Adam wiederholte seine Worte, als ich ihm nicht antwortete. Es war Montagmorgen, wir hatten ein turbulentes Wochenende hinter uns und eben hatte ich erfahren, dass meine Mitschülerin eine Fee war. In diesem Moment konnte es mir niemand verübeln, wenn sich meine Gedanken im Standby-Modus befanden.

»Was? Alyssa ist eine … Fee?« Flüsternd brachte ich das letzte Wort über meine Lippen, während ich in die Richtung sah, in der Alyssa Willowglow – ihres Zeichens Schulballkönigin, Schülersprecherin und offenbar auch Feenwesen – verschwunden war. Ich hatte zwar schon Feen und andere magische Wesen gesehen, aber auf einer Kinoleinwand oder in Büchern.

Meine Gedanken schlugen Purzelbäume. Alyssa ist eine Fee. Es gibt sie wirklich. Hier unter uns Menschen. Das musste ich erst mal sacken lassen. Langsam drehte ich meinen Kopf zurück zu Adam, der mich immer noch mit ernster Miene ansah.

»Ja, und nicht nur eine einfache Fee. Sie ist …« Adam verstummte und musterte mich nachdenklich, ehe er schwach den Kopf schüttelte. »Ach, schon gut. Das ist jetzt nicht wichtig.«

Ich musterte ihn und wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Das ist nicht wahr! Oder? Zumindest bot es eine Erklärung für ihr übernatürlich schönes Aussehen. Und die kleinen weißen Ecken! Natürlich! Das sind ihre Ohren! Deswegen waren sie mir so bekannt vorgekommen!

Adams Blick wurde eindringlicher. Er kräuselte die Stirn und beugte sich ein Stück zu mir herunter, um uns etwas Privatsphäre zu verschaffen. »Also? Seit wann kannst du sie sehen?«

Ich warf einen schnellen Blick über meine Schulter. Da sich allmählich weitere Schüler auf dem Gang einfanden, wollte ich sichergehen, dass uns niemand zuhörte.

Mit einem Schulterzucken wandte ich mich wieder an Adam. »Keine Ahnung! Am Samstag sah sie noch normal aus. Und gestern hab ich sie nicht …« Ein plötzlich aufkommender Gedanke ließ mich verstummen. Ich riss sowohl Augen als auch Mund erschrocken auf. »Oh Gott, Adam! Das ist es!« Ich keuchte, als mir klar wurde, was ich längst hätte erkennen müssen. »Das muss an dem Tattoo liegen! Das ist auch eine Fee!« Ich griff mir an die Stirn. »Natürlich! Hochmut! Ich habe doch gestern etwas darüber gelesen!« Aufgeregt begann ich von einem Bein aufs andere zu wippen, während ich fieberhaft versuchte, mich an den Artikel zu erinnern. Dabei blickte ich konzentriert auf den Boden und ließ meinen Gedanken freien Lauf. »Hochmut … Eitelkeit … Stolz … so werden Feen charakterisiert. Das kann kein Zufall sein! Es muss sich um die erste Prüfung handeln. Die Todsünde Hochmut! Natür…«

Adam packte meine Oberarme und ich verstummte. Als ich aufsah, bemerkte ich Adams angespannte Miene. Seine Lippen waren zu einer harten Linie zusammengepresst. »Avery! Jetzt beruhige dich und sieh mich an!« Er sprach eindringlich. Verwirrung war in seiner Stimme zu hören. »Wovon redest du? Welches Tattoo? Welche Fee und was soll das alles mit der Todsünde Hochmut zu tun haben?« Sein Blick zuckte hektisch über mein Gesicht und ich musste ein albernes Kichern unterdrücken. Seine Irritation stachelte meine prickelnde Aufregung weiter an, ich schaffte es aber, mein Zappeln zu beenden.

»Tut mir leid.« Ich schloss kurz meine Augen und atmete tief durch, ehe ich meine Lider wieder öffnete.

Adams Miene blieb angespannt, aber meine Atemübung musste auch ihn etwas beruhigt haben. Er ließ meine Arme los und verschränkte seine eigenen vor der Brust.

»Gestern, an meinem Geburtstag, wachte ich mit Schmerzen in meiner linken Schulter auf. Zuerst dachte ich, ich hätte mir nur einen Nerv eingeklemmt, aber dann sah ich es im Spiegel, Adam. Ein Tattoo. Ein richtiges, handgroßes Tattoo! Auf meiner Schulter. Und das Motiv ist eine Fee. Sie sitzt auf einer Blüte und schaut hinauf zu einer Mondsichel. Dabei zupft sie an einer Blume.«

Hatte Adam zunächst noch irritiert gewirkt, blitzten seine Augen im nächsten Moment überrascht auf, um mich schließlich verärgert anzusehen. »Und wieso in aller Herrgotts Namen hast du mir das nicht bereits gestern erzählt?« Er war jetzt so wütend, dass seine Augen hell aufleuchteten. Da ich diese Reaktion bereits kannte, schockierte sie mich nicht mehr so sehr wie noch am Samstagabend – obwohl es noch immer gespenstisch war. Um seine zitternden Fäuste vor mir zu verbergen, steckte Adam die Hände in die Hosentaschen. Aber die Mühe hätte er sich sparen können. Groll triefte ihm aus allen Poren.

Seine plötzliche Wut traf mich. Er tat ja gerade so, als hätte ich ihn belogen oder mit Absicht unwissend gelassen. »Tut mir leid! Aber wir hatten auch so genug Dinge zu besprechen.« Ungewollt ging ich in die Defensive. »Und sorry, wenn ich nicht gleich daran gedacht habe, dass auf der Erde irgendwelche Fabelwesen rumlaufen und dieses blöde Tattoo irgendeine Bedeutung haben könnte!« Auch ich verschränkte nun meine Arme vor der Brust und senkte den Blick. Ein Streit mit Adam war das Letzte, wonach mir der Sinn stand.

Adam gab ein gedämpftes Stöhnen von sich. Auch ohne hinzusehen wusste ich, dass er sich mit den Händen über das Gesicht fuhr. Das tat er immer, wenn seine Wut nach dem ersten Ausbruch verraucht war und er sich allmählich wieder beruhigte.

»Okay. Tut mir leid, Ave. Ich wollte dich nicht anmotzen. Aber solche Dinge darfst du mir in Zukunft nicht mehr verschweigen, hast du mich verstanden? Das ist lebenswichtig! Vielleicht hätten wir bereits gestern diese Verbindung herstellen können.«

Seine Entschuldigung dämpfte meine eigene Wut und ich blickte wieder auf. Adam sah mich resigniert an und ich ließ erschöpft die Arme sinken.

»Mir tut es auch leid. Du hast ja recht. Ich hätte euch gleich davon berichten sollen. Aber neben all den anderen Dingen kam mir das Tattoo irgendwie unbedeutend vor. Woher hätte ich denn wissen sollen, dass es eine Rolle spielt?« Meine Gedankenlosigkeit ärgerte mich. Zumindest Adam hätte ich sofort davon erzählen müssen. »Aber im Endeffekt ändert es doch nichts, oder? Ich meine, wir wissen auch jetzt nicht, was das alles zu bedeuten hat.« Ehe ich es zurückhalten konnte, kämpfte sich ein leises Lachen tapfer aus meiner Kehle hervor. »Ich meine, abgesehen davon, dass eine meiner Mitschülerinnen eine Fee ist.« Trotz der ernsten Lage amüsierte mich dieser Gedanke. Mein bester Freund ist ein Engel und meine Klassenkameradin eine Fee. Vielleicht ist Nox dann ein Vampir?

Bevor ich alberne Überlegung weiterspinnen konnte, unterbrach Adam die Stille. »Nicht nur eine, Ave. Hier an der Schule gibt es knapp dreißig Feen. Und in ganz San Francisco kenne ich ungefähr fünfundsiebzig. Tatsächlich sind es viel mehr.«

Sofort verstummte mein Lachen und ich sah Adam mit großen Augen an. »Was? So viele?« Ich schluckte. Wo kommen die alle her?

Adam nickte. »Ja, deswegen müssen wir auch unbedingt herausfinden, ob du nur eine spezielle Art sehen kannst oder alle.« Er senkte den Blick. Als er mich durch seine dichten, hellen Wimpern ansah, wusste ich, dass gleich etwas kam, was mir nicht gefiel. Ich kannte diese Geste. »Siehst du eigentlich nur Feen oder auch … andere Wesen?«

Was? Meine innere Warnblinksirene drehte durch. »Andere Wesen? Welche meinst du?« Vielleicht war mein Gedanke an Vampire gar nicht so abwegig gewesen – ich meine, wenn es auch schon Engel, Dämonen und Feen gab. Sofort breitete sich eine unangenehme Gänsehaut auf meinen Armen aus und in meinem Kopf erschienen Bilder von Gnomen, Zwergen, Einhörnern und Drachen.

Adam schüttelte den Kopf und richtete sich auf. In normaler Lautstärke sprach er weiter. »Ach, schon gut. Vergiss die Frage einfach.« Mit den Händen in den Hosentaschen sah er sich betont beiläufig um. Doch ich würde mich nicht so leicht abspeisen lassen.

»Oh nein, Adam! Ich vergesse die Frage bestimmt nicht einfach so! Von welchen Wesen reden wir hier?« Auch ich sah mich auf dem Gang um, konnte jedoch nichts Außer­gewöhnliches entdecken.

Adam gab mir keine Antwort und sein Schweigen machte mich immer nervöser. Worauf musste ich mich noch gefasst machen? Orks, Greife und Phönixe?

»Adam?« Langsam wurde ich ungehalten. Sein Schweigen war die reinste Qual. Es ließ unglaublich viel Spielraum für Spekulationen.

Ich stieß Adam meinen Zeigefinger gegen die Schulter, um ihn zu einer Antwort zu animieren. Die Geste half, denn er sah mit einem tiefen Seufzen auf.

»Es tut mir leid, Avery. Ich darf es dir nicht sagen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich es nicht. Ich würde nur wieder …« Er verzog das Gesicht, verdrehte die Augen und begann zu röcheln. Trotz der schlechten Showeinlage verstand ich, was er mir sagen wollte. Das letzte Mal, als er mir etwas erzählen wollte, worüber er nicht sprechen durfte, wäre er beinahe an seinen Worten erstickt.

Ich hob abwehrend die Hände und schüttelte den Kopf. »Nein, schon okay. Sag nichts. Du sollst nicht wieder Schmerzen leiden müssen.« Auch ich seufzte ergeben und sah mich stattdessen erneut auf dem inzwischen gut gefüllten Flur um. Die erste Unterrichtsstunde würde bald beginnen. »Bisher ist mir nur Alyssa aufgefallen.« Widerstrebend wandte ich mich erneut an Adam. Diese Geheimniskrämerei begann mich zu nerven. Wieso darf er mir nicht sagen, was er weiß? Ich habe den Prüfungen doch schon zugestimmt. Es gibt kein Zurück mehr. Warum muss das Ganze so kompliziert sein?

Adam öffnete den Mund, um etwas zu sagen – seiner betroffenen Miene nach zu urteilen wollte er sich erneut entschuldigen –, aber ich kam ihm zuvor. »Schon gut, Ad. Ich weiß, du kannst nichts dafür.« Es ist nicht seine Schuld. »Am besten sag ich dir Bescheid, wenn ich … etwas … sehe, okay?« Allein die Vorstellung, jeden Moment könnte irgendein übernatürliches Wesen – welcher Art auch immer – überraschend auftauchen, verursachte mir einen bleischweren Klumpen im Magen.

Adam nickte knapp. Ihm war deutlich anzusehen, wie wenig ihm dieser Kompromiss gefiel. »Ja, vermutlich ist das die beste Lösung.«

Auch ich bestätigte mit einem Nicken und verdrängte dabei das kalte Gefühl in meinem Inneren. Es würde nicht leicht werden, mich an die neue Situation zu gewöhnen.

Für einen Moment herrschte Schweigen, bis Adam den Faden wieder aufnahm. Neugier hatte seine Anspannung verdrängt und schwang deutlich in seiner Stimme mit. »Kannst du mir das Tattoo vielleicht zeigen?«

Ich erwiderte seinen Blick, wenn auch weniger enthusiastisch. Dabei verstand ich sein Interesse sehr wohl. Wären unsere Rollen anders verteilt gewesen, hätte ich es bei ihm ebenfalls sehen wollen. Das Problem war nur, mein T-Shirt saß so eng am Körper, dass ich den Halsausschnitt nicht tief genug runterziehen konnte, um Adam problemlos einen Blick zu ermöglichen. Stattdessen musste ich den Stoff über meinen Kopf ziehen, was jedoch aus offensichtlichen Gründen unmöglich war. Auf die Mädchentoilette konnte ich Adam ebenfalls nicht mitnehmen – wobei ich sicherlich die einzige weibliche Person war, die etwas dagegen hatte.

Während ich über eine praktikable Lösung nachdachte, sah ich mich suchend um. Mein Blick fiel auf eine schlichte Klassenzimmertür am Ende des Flurs.

»Okay, komm mit.« Ich schlug meine Spindtür zu, griff nach Adams Hand und zog ihn den Flur entlang, seine verwirrten Äußerungen ignorierend.

Unterwegs begegneten wir einigen Schülern, doch für mich sahen sie alle normal aus. Ich verdrängte den Gedanken, ob sie wohl magische Wesen waren, und zog Adam hinter mir her, bis wir die Tür erreichten.

»Was wollen wir denn hier?« Adam gab sich keine Mühe, seine Skepsis zu verbergen.

»Ich dachte, wir üben unsere Choreographie für das Cheerleadervortanzen nächste Woche.« Ich rollte mit den Augen und drückte gleichzeitig die Türklinke herunter. Als sich das Schloss öffnete, atmete ich erleichtert auf. Mit einem zufriedenen Grinsen stieß ich die Tür auf und zeigte auf einige alte Rechner und Bildschirme. »Du weißt doch, dass hier im Computerraum keine Kurse mehr stattfinden.« Früher war dieser Raum von Schülern genutzt worden, die in den Pausen im Internet surfen wollten. Doch jetzt nutzten alle ihre Smartphones, weshalb das Angebot und der Raum in Vergessenheit geraten waren.

Adam sah mich anerkennend an. »Nicht schlecht, Ave!«

Ich kommentierte sein fragwürdiges Kompliment mit einem sarkastischen Grinsen. »Danke. Und jetzt rein mit dir!« Ich schlüpfte mit Adam an der Hand hinein und schloss die Tür hinter uns. Augenblicklich umfing uns Zwielicht. Nur vage Schemen waren zu erkennen.

Meine Finger tasteten über die Wand, bis sie den Lichtschalter fanden und die grellen Neonröhren flackernd zum Leben erweckten. Auch ohne mich umzusehen, wusste ich genau, wie der Raum aussah. An drei der vier Wände waren in U-Form ein Dutzend Computerarbeitsplätze angeordnet. Die gegenüberliegende Wand fasste vier Fenster, die auf einen Innenhof hinausgingen, der von allen Seiten von hohen Gebäuden umgeben war und deshalb kaum Licht spendete.

Alte, abgestandene Luft erfüllte den Raum und erschwerte das Atmen, als mein Blick nun doch über das Inventar glitt. Eine dicke Staubschicht lag auf Monitoren und Tastaturen. Offenbar hielt es niemand für nötig, einen Raum zu reinigen, den niemand mehr nutzte.

Um keine Zeit zu verschwenden – und damit Gefahr zu laufen, doch noch von irgendjemandem erwischt zu werden –, ließ ich meine Tasche von den Schultern gleiten und drehte Adam den Rücken zu. In einer schnellen und zugleich vorsichtigen Bewegung streifte ich den dunkelroten Stoff über meinen Oberkörper. Die Baumwolle strich über das Tattoo und entlockte mir einen Schmerzenslaut, den ich mit einem scharfen Zischen zum Ausdruck brachte. Noch immer war die kleinste Berührung qualvoll. »Und? Was sagst du?«

Adam trat dicht hinter mich. Seine kühlen Fingerspitzen legten sich sanft und zärtlich auf meine empfindliche Haut und linderten augenblicklich den Schmerz.

»Es ist wunderschön.« Sein ehrfürchtiger Ton ließ mich schmunzeln. »Es sieht so echt aus. Fast als würde die Fee leben. Ich kann beinahe sehen, wie sie mit ihren Flügeln schlägt. Und …« Adam verstummte.

Ich drehte meinen Kopf zur Seite. »Was ist los, Ad?«

Er antwortete nicht und sein Schweigen machte mich nervös. Ich wollte mich ganz zu ihm herumdrehen, aber er packte meine Oberarme und hielt mich fest. »Warte doch mal!«

Widerwillig drehte ich meinen Kopf wieder nach vorne. Einen steifen Nacken konnte ich nicht auch noch gebrauchen.

Wieder entstand eine angespannte Stille, in der ich nur mein schnell schlagendes Herz und Adams Atem wahrnahm.

Adam stieß einen zischenden Fluch aus und ich zuckte erschrocken zusammen. »Verdammt, Ave! Ich glaub es nicht! Die Fee ist lebendig! Die Blüte, die sie abgezupft hat, fällt zu Boden. Das ist … keine Ahnung! Aber ich seh es deutlich!«

Diesmal ließ er es zu, dass ich mich zu ihm umdrehte. Gleichzeitig zog ich mein T-Shirt wieder herunter. Adams Worte hatten mich überrumpelt und meine Bewegung war grob und unbedacht. Diese Unachtsamkeit rächte sich prompt, als der Baumwollstoff über das empfindliche Tattoo rieb. Doch ich schenkte dem plötzlich auftretenden heißen Pochen keine Beachtung. Meine Konzentration war auf Adam gerichtet.

»Okay, jetzt noch mal, bitte. Was hast du gesagt?« Ich musste mich verhört haben. »Die Fee soll lebendig sein? Dir ist aber schon klar, wie lächerlich das klingt, Ad, oder? Das ist nur ein Tattoo. Farbige Tinte unter der Haut. Ein ewiges Standbild. Da lebt überhaupt nichts.«

»Doch, glaub mir, Avery. Meine Augen sind wesentlich besser entwickelt als die eines Menschen. Und selbst mir ist es kaum aufgefallen. Aber ich bin mir sicher: Die Fee lebt. Und sie bewegt sich. Das Blütenblatt, das sie abgezupft hat, hängt zwar noch in der Luft, aber es fällt langsam zu Boden. Und vor ihren Füßen liegt bereits eins.« Adam sah mich eindringlich an und ich glaubte ihm – oder versuchte es zumindest. Immerhin behauptete er, auf meiner Schulter würde eine echte – eine lebendige! – Fee sitzen.

Das ist verrückt! Aber hat er nicht gerade gesagt, dass bereits eins der Blütenblätter auf dem Boden liegt?

Gestern lag keins auf dem Boden! Oder? Verdammt! Ich war mir nicht mehr sicher.

Mit einem Kopfschütteln versuchte ich meine Gedanken zu sortieren. »Okay, mal angenommen, du hättest recht und sie wäre wirklich lebendig. Was bedeutet das?« Die Vorstellung, dass sich eine lebende Fee auf meiner Schulter befand, war zwar beunruhigend, aber auch nicht abgedrehter, als einen Engel als besten Freund oder einen vermeintlichen Dämon als Weggefährten zu haben.

Adam nahm seine Unterlippe zwischen Daumen und Zeigefinger. Während er nachdachte, zog er immer wieder daran, was ein schmatzendes Geräusch verursachte.

»Ich weiß es nicht genau. Ich habe zwar eine Vermutung, aber sie wird dir nicht gefallen. Und es ist auch nur eine Theorie, also flipp nicht gleich aus, wenn ich dir davon erzähle, okay?« Er sah mich bittend an und ich nickte zögerlich. »Na ja … wenn du also das Tattoo seit gestern hast und auf dem Boden vor der Fee ein rosafarbenes Blütenblatt liegt, dann könnte das ein Zeichen dafür sein, dass wir unter Zeitdruck stehen.«

Ich überdachte Adams Worte. Ist das möglich? Ganz abwegig war der Gedanke nicht, das musste ich zugeben, dennoch wollte ich es nicht wahrhaben. Jetzt ärgerte ich mich noch mehr, Adam nicht bereits gestern von dem Tattoo erzählt zu haben. Er hätte sich daran erinnert, ob von Anfang an eins der Blütenblätter auf dem Boden gelegen hatte.

Geräuschvoll stieß ich meinen Atem hervor und ließ die Schultern kraftlos herabsinken. »Okay, schön. Wir … wir sollten das beobachten. Wenn morgen ein weiteres Blatt auf dem Boden liegt, wirst du wohl recht haben.«

Adam nickte bestätigend, auch wenn ich ihm deutlich ansah, wie sehr er hoffte, mit dieser Theorie falsch zu liegen. »Ja, das machen wir. Und gleichzeitig sollten wir schnellstmöglich herausfinden, worin die erste Prüfung besteht. Ich habe da so einen Verdacht, was geschehen könnte, falls die Zeit abläuft, bevor wir erfolgreich waren.«

 

 

 

 Zwei ~

 

 

Adam und ich verließen den Computerraum, als es zum Unterricht klingelte. Wir wollten am Nachmittag zu Nox fahren, um ihm von dem Tattoo und von Adams Theorie zu erzählen. Wobei zumindest von meiner Seite aus von Wollen nicht die Rede sein konnte. Adam hatte mich dazu überredet. Ich selbst konnte mir tausend Dinge vorstellen, die ich weitaus lieber tun würde, als freiwillig den Höllendiener aufzusuchen – zum Beispiel eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Leider war Adams Gegenargument ausschlaggebend.

»Er hat Kontakt mit anderen Dämonen, die so was vielleicht schon mal mitbekommen haben.«

Während des Vormittagsunterrichts sah ich mich immer wieder verstohlen um, konnte jedoch außer mindestens zwei Feen in jedem Kurs keine fremden Wesen erkennen. Ich bemühte mich, sie nicht offensichtlich anzustarren, aber ihre neongelben, -pinken oder -blauen Haare, die in allen möglichen Längen und Formen um ihre Gesichter fielen, zogen meinen Blick immer wieder magisch an. Dabei entging mir nicht, dass sie weniger glänzten als Alyssas seidige Strähnen. Auch die Haut und die Augen der anderen Feen wirkten im Vergleich zu denen der Schülersprecherin weniger spektakulär – selbst wenn sie immer noch ekelerregend schön waren und von ihren menschlichen Mitschülern mit bewundernden Blicken überhäuft wurden.

Zur Mittagspause schlossen wir uns dem Schülerstrom in Richtung Cafeteria an. Obwohl wir Mitte Mai hatten und draußen herrlichster Frühsommer herrschte, gab es nun mal nur im Schulgebäude eine warme Mahlzeit, weshalb wir den überfüllten und stickigen Raum bevorzugten.

Adam und ich standen gerade in der Schlange an der Essensausgabe. Mit halbem Ohr lauschte ich, wie er mir etwas über ein neues Surfbrett erzählte, das er sich vielleicht zulegen wollte.

Ich reagierte nicht auf seine Überlegungen, sondern betrachtete ein Mädchen, das mit ihren bonbonrosafarbenen Haaren meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihre Strähnen waren zu einem kinnlangen Bob geschnitten und ihre helle, perlmuttfarbene Haut war ebenso ebenmäßig und strahlend wie die von Alyssa. Sie trug ein moorgrünes Kleid aus Leinen und ihre Augen blitzten in einem schillernden Orange.

»Louisa ist auch eine Fee?« Unauffällig deutete ich in die Richtung des Mädchens, auch wenn meine Frage rhetorischer Natur war. Ihr extravaganter Stil war bereits ein deutlicher Hinweis, aber die spitzen Ohren, die zwischen den Strähnen hervorlugten, bestätigten meine Überlegungen.

Adam folgte meinen Blick und nickte stumm.

Ich richtete meinen Blick wieder auf Louisa, die zu Alyssas besten Freundinnen gehörte, sprach jedoch zu Adam. »Irgendwie beruhigt mich der Gedanke, dass es auch unter Feen Unterschiede gibt.« Nun drehte ich mich wieder zu ihm um und bemerkte seinen fragenden Blick. »Na ja, ich meine, schau dir mal Alyssa und Louisa an. Die beiden sehen aus wie Topmodels – in Feenverhältnissen meine ich. Aber Mayke und Lisa aus meinem Geschichtskurs wirken im Vergleich zu ihnen irgendwie … matt und unscheinbar.« Ich zuckte mit den Schultern. »Es ist ein tröstlicher Gedanke, dass nicht alle Feen solche Überschönheiten sind.« Normalerweise verglich ich mich nicht mit anderen Frauen, da ich mit meinem Aussehen zufrieden war, aber ich konnte auch nicht leugnen, wie gravierend der Unterschied zwischen Alyssa und einem Großteil ihrer Mitschülerinnen war. Demnach war es kein Wunder, dass ihr jeder Typ mit großen Augen und Sabberfaden am Mund nachhechelte.

»Dir ist der Unterschied aufgefallen?« Adam wartete meine Antwort nicht ab. »Gut zu wissen. Das bedeutet, du kannst alle Feen sehen. Allerdings bringt uns diese Erkenntnis nicht weiter.«

Ehe ich ihn fragen konnte, was er mit »alle Feen« meinte, waren wir an der Reihe, unser Essen zu bestellen. Adam entschied sich für Kartoffelpüree und Fischstäbchen, während ich einen kleinen Salat, einen Kakao und eine Tüte M&M’s wählte. Ich hatte keinen Appetit, konnte die Schokolade aber für meine Nerven gebrauchen.

Auf der Suche nach einem freien Platz nahm ich den Faden unseres Gesprächs wieder auf. »Ich habe jetzt ungefähr zwölf Feen gesehen. Du sprachst von dreißig. Wo sind die alle?«

Adam zuckte mit den Schultern. »Wie ich bereits sagte, schwankt die Anzahl täglich. Das hat … gewisse Gründe. Aber davon erzähle ich dir ein anderes Mal. Und die Jungs aus dem Footballteam sind wahrscheinlich noch beim Training und …«

»Die Jungs aus dem Footballteam?« Mein Mund blieb vor Überraschung offen stehen und ich sah Adam ungläubig an. Bisher hatte ich nur weibliche Feen gesehen und keinen Gedanken daran verschwendet, dass es auch männliche geben könnte.

Adam erwiderte meinen Blick überrascht, dann lachte er leise und präsentierte dabei zwei markante Grübchen, auf die jede Frau, die ihm begegnete, stand. »Was ist, Avery? Hast du etwa gedacht, es gebe nur weibliche Feen?«

Ich antwortete reflexhaft. »Nein, natürlich nicht!«

Adam lachte erneut, diesmal weil ich so schlecht log.

»Hör auf zu lachen! Bisher musste ich mir noch nie Gedanken über das Thema Geschlechter bei Feen machen. Das ist neu für mich.« Auch meine Mundwinkel zuckten.

Adam verstummte, jedoch verriet sein Grinsen, wie sehr ihn meine Reaktion amüsierte.

Um das Thema zu beenden, sah ich mich wieder nach einem leeren Tisch um. Dabei wurde mein Blick erneut von Alyssa und Louisa angezogen, zu denen sich inzwischen drei weitere Feen gesellt hatten. Eine besaß einen lindgrünen Fischgrätenzopf, der ihr bis zum Po reichte. Einer anderen fielen weiß-silbrig schimmernde, weiche Locken über die Schultern. Die Letzte hatte einen feuerroten Schopf, der den Eindruck vermittelte, als stände ihr Kopf in Flammen.

Alyssa, Louisa, Nancy, Kim und Marika – die High Society der Highschool – waren allesamt wunderschöne, schillernde Feen. Wieso wundert mich das nicht?

»Los, komm, da wird gerade ein Tisch frei.« Adam deutete schräg nach links und machte sich auf den Weg. Ich folgte ihm stumm, ohne zu wissen, wie er in dem Gewusel etwas erkennen konnte, das sich weiter als zwei Meter vor uns ereignete. Aber er hatte mir ja bereits erklärt, dass seine Augen wesentlich besser funktionierten als die eines Menschen – ebenso wie seine Ohren. Auch gehörte übernatürlich schnelles Rennen zu seinen besonderen Fähigkeiten, die er trotz geraubter Gaben und nicht mehr vorhandener Unsterblichkeit noch besaß.

Auf dem Weg zu dem freien Tisch sprach Adam weiter. »Außerdem habe ich nicht über dich gelacht. Ich finde deine Reaktion einfach süß. Ich durfte noch nie miterleben, wie ein Mensch von der Existenz des Lichten Volks erfährt. Aber mach dir keinen Kopf, Ave, man gewöhnt sich schnell an ihr Dasein. Im Grunde sind sie nicht viel anders als wir.«

»Nicht viel anders als ihr oder wir?« Es war verrückt, dass ich neuerdings zwischen Adam und mir unterscheiden musste. Immerhin habe ich noch zwei andere – menschliche – Freunde, die mich … Ich unterbrach meine Gedanken. Verdammt! Ich hatte Harmony und Killian vergessen! Wie sollte ich mich den beiden gegenüber verhalten? Adam und ich hatten zwar gestern beschlossen, erst einmal niemandem von dem Vertrag und den Prüfungen zu erzählen, aber da hatte ich ja auch noch nichts von den Feen gewusst, die mit uns zur Schule gingen. Zum Glück waren die Jaramango-Geschwister noch in Los Angeles und würden erst am Ende der Woche zurückkommen.

»… sind unsterblich. Aber wie gesagt, im Grunde …«

In meine eigenen Gedanken versunken, hatte ich Adams Erklärung nicht mitbekommen und wollte gerade um eine Wiederholung bitten, als Alyssa vor uns auftauchte. Mit einem verführerischen Lächeln sah sie Adam an und ignorierte mich völlig. Da ich von ihr nichts anderes gewohnt war, kümmerte mich diese Unhöflichkeit nicht weiter. Stattdessen nutzte ich die Gelegenheit und musterte Alyssa interessiert. Auch wenn ich sie bereits heute Morgen gesehen hatte, verschlug mir ihr Anblick erneut die Sprache. Ihre aquamarinfarbenen Haare schimmerten im Licht der Neonröhren und erinnerten mich an die kleinen Nagellackflaschen aus dem Drogeriemarkt. Ihre Haut war rein und ebenmäßig wie Porzellan. Ihre Augen blitzten wie flüssiges Silber und ich konnte kaum meinen Blick von ihr wenden. Sie verlieh dem Begriff »Schönheit« eine ganz neue Bedeutung.

»Adam, mein Engel. Wieso setzt du dich nicht zu uns?« Alyssa legte Adam eine Hand auf den Unterarm und warf mit der anderen ihre Haare über die Schulter. Ihr Auftreten strotzte vor Selbstbewusstsein und wirkte kein bisschen billig oder ordinär. Bewundernswert.

Während ich Alyssa unverhohlen anschmachtete – anders konnte man mein Staunen kaum nennen –, fragte ich mich, ob sie wusste, dass Adam kein Mensch war, und deshalb diesen vermeintlichen Kosenamen benutzte. Oder war es Zufall? Können sich übernatürliche Wesen gegenseitig erkennen?

Adam lächelte höflich, griff nach Alyssas Hand und löste sie von seinem Arm. »Tut mir leid, Ally. Aber das geht heute nicht. Ein anderes Mal vielleicht.«

Seine Worte brachten meine Gedanken wieder in Schwung und ich sah überrascht von Alyssa zu Adam. Ally? Das ist neu.

Adam wollte sich an Alyssa vorbeidrängen, doch die Fee hatte nicht vor, uns so einfach davonkommen zu lassen. Sie trat einen Schritt zur Seite und schnitt Adam den Weg ab. Dabei zog sie einen Schmollmund, der unglaublich sexy wirkte.

»Das ist wirklich schade, Adam, Darling. Aber natürlich respektiere ich deinen Wunsch.« Ihre Stimme klang süß und lieblich, dennoch blitzte etwas in ihrem Blick auf, das ihre Worte Lügen strafte. »Dann werde ich mir die Zeit wohl mit deinem verboten gut aussehenden Bruder versüßen müssen.«

 

***

 

Was? Nein! Ich habe mich verhört! Ich muss mich verhört haben! Das kann nicht …

Meine Hoffnungen zerplatzten wie ein zu prall gefüllter Luftballon, als eine bekannte, aber wenig willkommene Stimme hinter meinem Rücken erklang.

»Hallo, Brüderchen. Na, Kleines.«

In einer ruckartigen Bewegung drehte ich mich herum und hoffte inständig, Fortuna spiele mir nur einen üblen Streich. Mein Tablett stieß gegen etwas Hartes, das ich als Nox’ Oberkörper erkannte. Offenbar war er einkaufen gewesen, denn das schwarze T-Shirt, das er trug, sah neu aus, ebenso wie die dunklen Bermuda-Shorts, die ihm knapp über die Knie reichten und mit einigen Taschen an den Seiten bedeckt waren. Seine Haare wirkten eine Spur dunkler als gewohnt, und ohne genauer hinzusehen, konnte ich nicht sagen, ob die Strähnen nass oder gegelt waren.

Nox hatte – vermutlich reflexhaft – nach meinem Tablett gegriffen und umklammerte nicht nur das Hartplastik, sondern auch zum Teil meine Finger.

»Woohooo, Kleines, nicht so stürmisch! Oder freust du dich so sehr, mich zu sehen? Tja, dann hättest du letzte Nacht eben nicht weggehen sollen. Ich habe es dir angeboten. Wir hätten sicherlich noch ein Plätzchen im Bett für dich gefunden.« Seine Stimme hatte wieder diesen doppeldeutigen Unterton.

»Ehe ich auf eins deiner Angebote eingehe, wächst mir ein zweiter Kopf.« Unweigerlich sah ich in seine Augen. Das Grün darin funkelte amüsiert und ich spürte wieder diesen Sog, der mich in seinen Bann zu ziehen drohte. Es fühlte sich wie ein Magnet an, der in meiner Brust lag und mich zu dem Höllendiener zog, sobald ich ihm in die Augen sah. In diese wunderschönen, schimmernden, grünen …

Mit einer innerlichen Ohrfeige rief ich meine Gedanken zurück. Das war ein weiterer Grund, weshalb ich den Dämon nicht vermisst hatte. Diese dämliche Anziehung, die er ausstrahlte und auf die ich ungewünscht reagierte. Dabei erging es nicht nur mir so. Jede Frau fühlte sich von Nox – und Adam – angezogen. Das lag an ihrer Übernatürlichkeit. Adam hatte mir erklärt, alle Menschen reagierten darauf. Dieses Wissen war zwar nur ein kleiner Trost, aber ich nahm, was ich kriegen konnte.

Nox erwiderte nichts auf meine Worte, sondern grinste auf seine typische überhebliche Art. Ich verstand nicht, welchen Grund er dafür hatte – meine Aussage war ziemlich eindeutig gewesen –, aber bei dem Höllendiener gab es einiges, das ich nicht verstand.

»Was willst du überhaupt hier?« Ich gab mir keine Mühe, meinen Unmut zu verbergen. Sein ständiges Auftauchen an Orten, an denen er nichts zu suchen hatte, ging mir allmählich auf den Keks.

Nox zuckte mit den Schultern und ließ seinen Blick lässig durch die Cafeteria schweifen, ehe er mich wieder ansah. »Ich wollte dich besuchen.« Sein Grinsen wurde eine Spur breiter und seine Stimme etwas dunkler. »Ich muss mich doch davon überzeugen, dass du in Sicherheit bist. Immerhin hängt mein Leben an deinem.« Die Art, wie er die Worte aussprach, verursachte mir eine Gänsehaut. Dabei wusste ich nicht, ob es an der Vorstellung lag, was uns erwartete, wenn wir bei den Prüfungen versagten, oder ob es dem Gedanken geschuldet war, dass sich Nox womöglich um mich sorgte.

Der Höllendiener hielt noch immer mein Tablett – ebenso wie meine Finger – fest und ich konnte den Abstand zwischen uns nicht vergrößern. Daher begnügte ich mich damit, mit den Augen zu rollen, um ihm zu verdeutlichen, dass diese Art von Sprüchen keinerlei Wirkung auf mich hatte.

Unser Blickduell wurde von Adams genervter Stimme unterbrochen. »Witzig, Nox. Wirklich. Aber mal im Ernst. Was machst du hier? Ist etwas passiert?«

Nox seufzte geschlagen, als hätte man ihm einen glorreichen Streich vermasselt, und drehte sich zu Adam um. Dabei ließ er endlich seine Hände sinken. »Nein, mir war nur langweilig. Ist das so überraschend?« Er verschränkte die Arme vor der Brust und setzte eine finstere Miene auf. »Die Unterhaltungsmöglichkeiten als Mensch sind ziemlich begrenzt. Nachdem ich ausgeschlafen und meine Übernachtungsgäste aus dem Haus geworfen hatte, war ich in der Stadt, hab mir was zum Anziehen gekauft und bin essen gegangen. Aber diesen Mist kann man auch nur eine gewisse Zeit ertragen.« Damit war das Thema für ihn beendet und er lenkte seinen Blick wieder in meine Richtung, wo er kurz verharrte, ehe er einen Punkt über meiner rechten Schulter fokussierte. »Wieso hast du mir gestern eigentlich nicht erzählt, dass es hier so interessante … Frauen gibt.« Nox sah zu Adam. Seine Mimik war ausdruckslos, aber seine Stimme hatte einen neuen, mir bisher unbekannten Tonfall angenommen. War es Anspannung? Verwunderung? Sorge? Ich konnte es unmöglich einordnen.

Adam verstand, worauf Nox anspielte, seufzte kurz, fuhr sich mit einer Hand durch die blonden Locken und sah in die Richtung, in die Nox zuvor geblickt hatte, ehe er sich wieder seinem Gegenüber zuwandte.

»Avery weiß, dass Alyssa eine Fee ist. Wir hatten heute Morgen bereits ein sehr interessantes Gespräch darüber.« Nachdenklich kaute Adam auf seiner Unterlippe und ich warf einen kurzen Blick über meine Schulter. Wie ich vermutet hatte, war Alyssa gegangen.

Mit einem tiefen Seufzer sprach Adam weiter. »Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass du hier bist. Dann verschwenden wir zumindest keine Zeit damit, dich irgendwo in der Stadt zu suchen.« Er deutete mit einem Kopfnicken nach links. »Kommt, setzen wir uns. Es gibt einiges zu klären.«

Adam wandte sich von uns ab und wollte in die angedeutete Richtung gehen, doch Nox hatte nicht vor, ihm zu folgen. »Ich werde mich wohl mit der kleinen Kratzbürste hier allein unterhalten müssen, Goldlöckchen. Ich habe der Prinzessin versprochen, du würdest dich bei ihr und ihren Freundinnen blicken lassen.« Nox blickte mir in die Augen, während er weitersprach. Dabei wusste ich nicht, ob die folgenden Worte an mich oder an Adam gerichtet waren. »Und ich halte stets meine Versprechen!«

Nox’ Blick war so intensiv, dass sich die feinen Härchen auf meinen Armen aufstellten. Ein Umstand, der mich ärgerte – blöde magische Anziehung hin oder her.

»Wirklich?« Ich versuchte, möglichst kindlich und unschuldig zu klingen. »Das ist ja jetzt blöd, nicht wahr? Was sollen wir denn nun machen?« Ich setzte ein sarkastisches Lächeln auf und sprach mit normaler Stimme weiter. »Ich hab eine Idee! Was hältst du davon, wenn du dich zu Alyssa und ihrem Fanclub begibst, während Adam und ich in Ruhe essen und unsere Pause genießen? So hat jeder von uns gewonnen.« Ich schenkte Nox einen lieblichen Augenaufschlag, drehte ihm würdevoll den Rücken zu und stiefelte den schmalen Gang zwischen den besetzten Tischen entlang. Entweder ich fand den leeren Platz, den Adam zuvor gesehen hatte – falls er nicht längst neu besetzt war –, oder ich würde mich einfach zu jemand anderem setzen. Im Augenblick war mir alles lieber, als bei Nox zu bleiben.

Tatsächlich war mir das Glück hold, denn ich entdeckte den freien Tisch. Mit einem unnötig lauten Knall stellte ich das Tablett darauf ab und ließ mich genervt auf einen der Stühle sinken. Eigentlich war es ein Wunder, wie Nox es immer wieder schaffte, allein durch seine Anwesenheit meine gute Laune in Konfetti zu verwandeln, um diese anschließend in alle Himmelsrichtungen zu verstreuen. Dabei ärgerte ich mich besonders über mich selbst. So sehr ich mir auch vornahm, den Höllendiener zu ignorieren oder nicht länger auf seine Provokationen einzugehen, war es mir, sobald er tatsächlich vor mir stand, scheinbar unmöglich, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Erwachsenes Verhalten sieht anders aus, Avery!

Mit einem unzufriedenen Grummeln griff ich nach meiner Gabel. Ich wollte den Salat nicht einfach stehen lassen.

Kaum hatte ich mir eine Gurkenscheibe in den Mund geschoben, trat Adam an den Tisch, dicht gefolgt von Nox. Während Adam auf dem Stuhl neben mir Platz nahm, setzte sich Nox mir gegenüber.

Ich ignorierte ihr Auftauchen und konzentrierte mich stattdessen auf mein Essen. Neue Chance! Diesmal werde ich mich nicht von Nox provozieren lassen!

»Na gut, Kleines. Du hast gewonnen. Hier bin ich. Was gibt es so Spannendes?« Der Höllendiener klang gelangweilt und tat so, als wäre er nur hier, um mir einen persönlichen Gefallen zu tun.

Ich sah auf, um ihm sachlich die neusten Erkenntnisse des Tages zu verkünden, als mir seine Haltung auffiel. Er hatte seine Arme lässig vor der Brust verschränkt und sich auf dem Stuhl nach hinten gelehnt. Aus verengten Augen musterte er mich. Er führte sich wie ein Kriegsgeneral auf, der einen Lagebericht seiner Fußsoldaten erwartete.

Nicht aufregen, Avery, du bist besser als er!

Um meine Vorsätze nicht gleich wieder über Bord zu werfen, schob ich mir eine Cocktailtomate in den Mund. Alles in mir sträubte sich, sein unverschämtes Machogehabe mit einer Antwort zu honorieren.

Zu meiner Überraschung übernahm Adam die Erklärung, während ich kaute. Auch wenn er es geschafft hatte, seine Emotionen unter Kontrolle zu bringen, sah ich ihm an, wie sehr auch ihn Nox’ Gehabe nervte.

»Avery kann Feen sehen. Alle. Wahrscheinlich bereits seit gestern. Denn ebenfalls seit gestern prangt ein Tattoo auf ihrer Schulter. Und rate mal, was es darstellt.«

»Ein Tattoo?« Interessiert hob Nox eine Augenbraue. »Wow, Kleines. Das habe ich dir gar nicht zugetraut! Zeigst du es mir?« Sein Blick wanderte über meinen Oberkörper, obwohl Adam bereits verkündet hatte, wo sich meine unfreiwillige Körperkunst befand. Ich spürte Nox’ Blick beinahe wie eine zärtliche Berührung, was mich schaudern ließ.

Ich zwang mich, seinen Blick ungerührt zu erwidern. Diese Art Aufmerksamkeit von Männern war ich nicht gewohnt. Und auch wenn ein Teil von mir genau wusste, dass Nox es nicht ernst meinte und er mich nur ärgern wollte, gab es diesen anderen Teil in mir, der sich wie ein vernachlässigtes Blümchen in den Strahlen der Aufmerksamkeit sonnte.

Adam knurrte leise – ein Laut, den ich das erste Mal vor zwei Tagen bewusst wahrgenommen hatte, seitdem aber überraschend oft hörte. »Nox! Hör auf mit dem Mist! Das Tattoo ist …«

»… Snoopy. Schon klar.« Nox hatte seinen Blick nicht eine Sekunde von meinem gelöst. »Ich weiß doch, wie sehr unsere Kleine hier auf den Comic-Hund steht.« Er verzog seine Lippen zu einem feinen Lächeln und sein Blick intensivierte sich.

Als mir bewusst wurde, worauf er anspielte, begann mein Gesicht zu glühen und ich musste meine Lippen zusammenpressen, um nicht das Erstbeste zu sagen, was mir auf der Zunge lag. Dafür hatte ich mit einem Mal neue Ideen, was man alles mit einer Gabel anstellen konnte.

Adam gab abermals ein Geräusch von sich, doch diesmal hatte es eine vage Ähnlichkeit mit einem Schnauben. »Nein, du Idiot! Es ist eine Fee! Deswegen denken wir, die erste Prüfung …«

»… gehört dem Hochmut.« Nox ließ Adam nicht ausreden. »Ich weiß.« 

 

Drei

 

»Was?« Ich verschluckte mich an meinem Gemüse und schaffte es gerade noch, ein Husten zu unterdrücken. »Das weißt du? Woher?« Hatte Nox uns etwas vorgemacht? Wusste er, worin die Prüfungen bestanden? Das konnte und wollte ich mir nicht vorstellen! Auch wenn ich den Höllendiener nicht mochte und ihm vieles zutraute, lag das außerhalb dieser Grenzen. So bösartig kann er nicht sein! Oder?

Bevor Nox antwortete, verschränkte er die Finger beider Hände ineinander und legte seine Unterarme auf den Tisch. Er beugte sich zu mir vor, als wollte er mir ein Geheimnis verraten, dabei fiel ihm eine Haarsträhne ins Gesicht und verdeckte zum Teil sein rechtes Auge. Seine Stimme war so leise, dass auch ich mich vorbeugen musste, um ihn verstehen zu können.

»Feen sind kleine nervtötende Quälgeister. Kein Wesen auf der Welt ist so arrogant und hochnäsig wie diese Kreaturen. Sie sind der Hochmut in Person, Kleines.« Nox kam noch ein Stück näher und ich musste mich zwingen, nicht zurückzuweichen. »Als unser Goldlöckchen gerade sagte, du könntest das Lichte Volk sehen, war mir sofort klar, dass es sich nur um diese Todsünde handeln kann.«

Für einen Moment sah ich Nox sprachlos an. Er tat gerade so, als wäre diese Verbindung das Offensichtlichste der Welt. Dabei war ich ungemein stolz gewesen, als mir diese Erkenntnis gekommen war. Ich ignorierte meinen verletzten Stolz und konzentrierte mich stattdessen auf seine Worte. Mit einem betont unschuldigen Lächeln legte ich meinen Kopf schräg und musterte Nox neugierig.

»Wow, das wusste ich gar nicht. Aber das erklärt natürlich einiges. Dann bist also auch eine Fee? Ich meine, wo ihr diesen Charakterzug doch gemeinsam habt.«

Nox’ Lächeln erstarrte, ehe seine Mundwinkel auftauten und sich zu einem breiten, amüsierten Grinsen verzogen. »Gar nicht so schlecht, Kleines. Leider liegst du daneben.« Er verschränkte wieder die Arme vor der Brust und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Erneut sah er mich mit diesem herausfordernden Blick an. »Auch wenn ich einige Eigenschaften mit dem Lichten Volk teile, bin ich zum Glück keine dieser Nervensägen.«

»Ach nein? Und welche Art von Nervensäge bist du dann?« Langsam fand ich Gefallen an dieser Art von Gespräch. Wenn ich Nox schon nicht ignorieren konnte – dafür fehlte mir dann doch die nötige Reife –, wollte ich zumindest versuchen, ihm die Stirn zu bieten.

»Du stellst ganz schön viele Fragen, ist dir das klar? Aber ich will mal nicht so sein.« Nox’ Augen wurden noch schmaler und sein Lächeln feiner. Sein Anblick erinnerte mich an einen Wolf, der kurz davor war, ein Schaf zu reißen. »Wenn dich mein Geheimnis derart interessiert, erzähle ich es dir gerne. Du musst mich nur lieb bitten.« Das Grün seiner Iris begann zu funkeln und in meinem Kopf bildeten sich Gedankenfragmente, was er mit diesem »lieb bitten« wirklich gemeint haben konnte.

»Danke, ich verzichte. So wichtig ist mir das auch nicht.« Okay, das war gelogen. Natürlich wollte ich herausfinden, welches Geheimnis ihn umgab, aber das würde ich auf anderem Wege herausfinden müssen. Auf keinen Fall würde ich nach diesem offensichtlichen Köder schnappen. »Erklär mir lieber, was dich zu einem solchen Feen-Experten macht.« Jetzt verschränkte auch ich die Arme vor der Brust, lehnte mich auf meinem Stuhl zurück und hob fragend eine Augenbraue.

Nox zuckte mit den Schultern. »Erfahrungen. Wenn du erst mal die ein oder andere Fee im Bett hattest, bekommst du recht schnell einen Eindruck davon, wie sie ticken.«

Bei seinen Worten verzog ich ungewollt den Mund. Ich wollte nicht wissen, wen Nox bereits alles im Bett gehabt hatte – speziesunabhängig. Doch kaum hatte er die Worte ausgesprochen, drängten sich mir eindeutige Bilder auf. Besonders nachdem ich den Höllendiener gestern halbnackt und nur in ein Duschtuch gewickelt gesehen hatte.

Er musterte mich eingehend, dann lachte er laut auf. »Zum Teufel, Kleines, bist du echt so verklemmt? Was denkst du, wie ich mir die Zeit vertreibe, während ich auf eine Seele warte? Mit Teetrinken und Crocketspielen?« Er schüttelte immer noch lachend den Kopf. Erneut fiel ihm eine Strähne in die Stirn, die er lässig nach oben strich.

Aha, er hat also auch einen Tick. Ich wusste zwar nicht, was ich mit dieser Gewissheit anfangen sollte, aber es machte ihn irgendwie realer und greifbarer.

Adam hatte offenbar genug von unserer Zankerei und übernahm das Gespräch. »Nox hat recht, Avery. Feen sind der personifizierte Hochmut. Ihr Stolz und ihre Eitelkeit kennen keine Grenzen. Bereits ein falsches Wort kann Kriege auslösen. ›Gnade‹ oder ›Menschlichkeit‹ sind Fremdworte für sie. Deswegen ist es auch so gefährlich, mit ihnen zu verkehren.« Er sah mich eindringlich an und ich verstand, worauf er anspielte.

Deshalb streitet er ab, etwas für Alyssa zu empfinden …

Nox unterbrach meine Gedanken. »Genau so ist es. Und die kleine Prinzessin dort drüben ist von allen die gefährlichste – und deswegen auch die schärfste.« Seine Stimme war voller Bewunderung, was mir ein weiteres Augenverdrehen entlockte. Was hatten Männer nur mit dieser Art von Frauen? War es wirklich das, worauf sie standen?

»Hast du eigentlich für jeden einen blöden Spitznamen parat?« Ich konnte mir den bissigen Kommentar nicht verkneifen.

Nox lachte. Tief und aufrichtig. Das Geräusch weckte widersprüchliche Gefühle in mir. »Natürlich. Das ist wesentlich einfacher, als mir irgendwelche Namen zu merken, wenn die dazugehörigen Personen sowieso nicht lange leben. Aber sei nicht eifersüchtig, Kleines. Bei der Feenprinzessin dort drüben ist es kein Spitzname, sondern ihr Titel, den ich nutze. Wobei …« Nox warf einen kurzen Blick zu Alyssa, die inmitten ihrer Freundinnen ein paar Tische weiter saß. »… mir auch sicherlich ein toller Name für sie einfallen würde.«

Ich überhörte die Anzüglichkeit seines Nachsatzes und konzentrierte mich allein auf seine übrigen Worte. »Alyssa hat einen Titel?« Wollte mir Nox etwa gerade weismachen, dass …

Der Höllendiener drehte sich wieder zu mir um. Er sah irritiert aus. »Was? Das weißt du nicht?« Wut verdrängte seine Verwirrung und er wandte sich Adam zu. »Du hast es ihr nicht gesagt? Verdammt, bist du wahnsinnig geworden, Goldlöckchen? Worüber redet ihr zwei den ganzen Tag? Oder hast du es ihr absichtlich verschwiegen? Willst du wirklich so dringend sterben?«

Die Heftigkeit in Nox’ Stimme überraschte mich – jedoch nicht so sehr wie der Gedanke, dass Adam etwas derart Wichtiges für sich behalten hatte. Wieso hat er das getan? Und das, nachdem er heute Morgen so wütend war, weil ich ihm nichts von dem Tattoo erzählt habe.

Ich sah ebenfalls zu Adam, der uns jedoch nicht beachtete, sondern hochkonzentriert auf die Plastikflasche in seinen Händen starrte. Es hatte nicht den Anschein, als würde er sich an diesem Gespräch beteiligen wollen.

»Adam?! Wer ist Alyssa?« Ich hatte Mühe, meine Stimme ruhig zu halten, wusste aber, dass ein Streit uns nichts bringen würde. Sicherlich hatte Adam eine logische Erklärung für sein Schweigen.

Anstatt mir zu antworten, hob Adam die Flasche an seine Lippen und nahm einen langen Schluck.

»Verdammt, Adam, wenn du es ihr nicht erzählst, übernehme ich das!« Dass Nox Adam bei seinem richtigen Namen nannte, war ein deutliches Zeichen dafür, wie ernst die Lage war.

Das musste auch Adam klar geworden sein, denn er stellte ruckartig die Flasche auf dem Tisch ab. Mit zusammengepressten Lippen und geblähten Nasenflügeln erwiderte er Nox’ wütenden Blick. »Vergiss es! Du wirst Avery gar nichts erzählen!« Zur Bekräftigung seiner Worte schlug er mit seiner Faust so stark auf die Tischplatte, dass ein Teil seines Getränks über die Mündung schwappte und auf seinem Kar­toffelpüree landete. Die bernsteinfarbene Pfütze bildete einen harmonischen Kontrast zu dem hellgelben Brei auf dem Teller.

Die beiden Männer lieferten sich ein stummes Blickduell. Würden wir uns in einem dieser albernen Comicfilme befinden, könnte ich grelle Blitze zwischen ihnen hin und her zischen sehen. Weshalb mir dieser blöde Gedanke in den Sinn kam, wusste ich nicht, aber vermutlich versuchte mein Unterbewusstsein auf diese Weise das Gefühl von Verrat zu verdrängen. Wieso hat Ad mir nicht die Wahrheit gesagt? Vertraut er mir nicht?

Die Stille am Tisch wurde mit jeder Sekunde unerträglicher. Nox und Adam starrten sich mit offensichtlichem Groll an, während ich fieberhaft überlegte, was ich tun sollte. In meinem Kopf rangen zwei Empfindungen, die sich nur schwer in Einklang bringen ließen: der Schmerz über Adams Vertrauensbruch und der gleichzeitige Wunsch, eine Erklärung für sein Verhalten zu finden.

Als ich das heftige Pochen in meiner Brust und die explosive Stimmung am Tisch nicht länger ertrug, legte ich meine Hand auf Adams Unterarm und forderte so seine Aufmerksamkeit.

Adam wandte sich mir zu. In seinem Blick lag nichts als Zorn. Doch dieser wich umgehend, als ihm bewusst wurde, wer vor ihm saß. Mit einem Mal wirkte er traurig und erschöpft. Geräuschvoll stieß er die Luft aus seinen Lungen und seine Schultern sackten kraftlos nach vorne. »Alyssa ist keine normale Fee, Ave. Sie ist … sie ist König Oberons und Königin Titanias Tochter.«

 

 

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