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Klappentext:

 

Ein Vertrag.

Zwei Seiten.

Drei Personen.

Sieben Todsünden.

Acht Prüfungen.

 

Himmel oder Hölle?

Leben oder Tod?

 

»Ich freue mich auf das Spiel, Avery …«

 

//Textauszug:

»Du wirst sterben, Avery Marie Harper!«

Unvermittelt ließ ich das Mädchen los und fiel rücklings in den Sand. »Was?« Ich musste mich verhört haben. »Was hast du gesagt?« Wieder bebte meine Stimme, und diesmal konnte ich es nicht wie ein Hirngespinst einfach wegwischen.

Die Kleine hob die Hände und hielt sie mir vor das Gesicht, als würde sie mich berühren wollen. Ihre Handflächen waren leuchtend rot und ihre Finger unnatürlich lang und spitz. Als sie den Mund öffnete, um etwas zu sagen, floss Blut heraus und rann ihr in einem Schwall über die Lippen. »Du wirst an deinem achtzehnten Geburtstag sterben.« Ihre Stimme klang gar nicht mehr hell und kindlich, sondern tief, dunkel und rau. Zu einem alkoholgeschwängerten Kettenraucher hätte sie besser gepasst als zu diesem vermeintlichen Kleinkind.

»Das … das passiert nicht wirklich!« Ich krabbelte rückwärts von dem Mädchen weg. »Das bilde ich mir nur ein!« Mit vor Angst geweiteten Augen krabbelte ich weiter, aber egal, wie sehr ich mich auch anstrengte, ich kam nicht vom Fleck. Die Distanz zu dem Mädchen änderte sich nicht.

»Bald, Avery! Bald komme ich und hole dich!«//


Lesermeinungen

"Mit " Exordium - Deadly Sin Saga 1 schafft Lana Rotaru einen atemberaubenden neuen Reihenauftakt im Bereich Fantasy. Avery ist eine einzigartige Protagonistin, deren Schicksal nicht einfach ist und sie jetzt beweisen muss, dass sie die Hölle besiegen kann. Ich freue mich sie auf ihrem weiteren Weg begleiten zu können."

Corinna Zabicki von Corinnas World of Books

 

Mein Fazit? ein genialer Reihenauftakt, der mit liebenswürdigen Charaktere und einer spannenden Geschichte zu einem Highlight wird :D <3

Ich freue mich jetz schon wahnsinnig auf die weiteren Teile :D"

Andrea Lange von Bücher - Seiten zu anderen Welten


Leseprobe

~ Eins ~

 

Die Worte »Du wirst an deinem achtzehnten Geburtstag sterben« versauten einem den Tag. Daher war ich, im Nachhinein betrachtet, froh darüber, dass ich am Montagvormittag noch nichts von meinem Schicksal wusste. Ein solcher Wochenstart wäre echt das Letzte gewesen …

»Ms. Harper!« Mrs. Fitzpatrick – meine Englischlehrerin – baute sich vor mir auf und stemmte ihre geballten Fäuste in die Seite. Trotz ihrer ein Meter fünfundsechzig Körpergröße – und geschätzt gleichen Breite – schaffte es die ältere Dame, mich einzuschüchtern. Mit ihren blond gefärbten Haaren, die einen fiesen Gelbstich besaßen, dem strengen Dutt, den viel zu grell geschminkten pinken Lippen und der schwarzen Hornbrille blickte sie funkelnd auf mich herab. »Wie oft soll ich Sie eigentlich noch verwarnen? Sie kennen die Regeln! Hausaufgaben dienen einem gewissen Lernzweck, den Sie jedoch außer Kraft setzen, wenn Sie Mr. Hill abschreiben lassen!«

Ich öffnete den Mund, um mich zu verteidigen – immerhin war das eine haltlose Unterstellung –, als ein leises Lachen neben mir erklang. Ungewollt begannen meine Mundwinkel zu zucken, aber ich versuchte mit aller Macht ein Grinsen zu unterdrücken. Immerhin sollte mich der alte Drache nicht gleich wieder zum Nachsitzen verdonnern. Das hatte Mrs. Fitzpatrick nämlich bereits letzte Woche getan, weil ich – angeblich – einen angebissenen Apfel nach ihr geworfen hatte. Dabei aß ich nicht einmal gerne Äpfel. Oder überhaupt Obst. Der einzige angebissene Apfel, den ich in meiner Nähe duldete, war das Firmenlogo auf meinem Notebook.

Doch natürlich waren Mrs. Fitzpatrick meine Unschuldsbeteuerungen völlig egal und sie schickte mich zum Direktor, der mir eine Strafpredigt hielt, ehe ich zur Strafstunde schlich. Doch das Glück war mir hold, denn genau an diesem Nachmittag gab es eine Feueralarmübung und wir durften anschließend nach Hause gehen. Als ich am nächsten Tag wieder im Englischunterricht saß, hatte meine Lehrerin ihre Strafe vergessen und ich kam ungeschoren – und immer noch unschuldig – davon.

Ein glücklicher Zufall? Vielleicht. Allerdings glaubte ich nicht an Zufälle. Zumindest nicht mehr. Das lag hauptsächlich an Adam, meinem besten Freund. Ich wusste zwar nicht, wie er es geschafft hatte, aber der Probealarm ging auf seine Kappe, da war ich mir sicher. Und da Adam regelmäßig für die wunderlichsten Dinge verantwortlich war, hatte ich nach zwölf Jahren inniger Freundschaft aufgehört, mich über solche Merkwürdigkeiten zu wundern. Auf mein Nachfragen hin erhielt ich sowieso nie eine Antwort. Adam hütete seine Geheimnisse wie der Drache Smaug seinen Schatz.

»Und Sie, Mr. Hill!« Mrs. Fitzpatrick riss ihren Kopf ruckartig nach rechts zu meinem Sitznachbarn. »Für diesen wiederholten Täuschungsversuch sollte ich Sie beide nachsitzen lassen, und das mindestens für eine Woche!« Das Gesicht unserer Englischlehrerin nahm mit jedem Wort mehr und mehr die Farbe einer reifen Erdbeere an und ich versuchte mich an meinen letzten Erste-Hilfe-Kurs zu erinnern. Sicher war sicher.

»Das könnten Sie tun, Mrs. Fitzpatrick, andererseits würden Sie uns – und sich – damit nur den Montag verderben. Und wenn Sie ehrlich zu sich selbst sind, wollen Sie das doch gar nicht, oder?« Adams Stimme klang hell und rein, wie ein Glockenspiel. Sie umschmeichelte einen wie ein feines Seidentuch, bis man unweigerlich vergaß, weshalb man sich eigentlich mit ihm stritt.

Ich kannte diesen Trick und ich hasste ihn abgrundtief.

Na gut, das stimmte so nicht. Ich hasste es nur, wenn Adam ihn gegen mich verwendete. Was er glücklicherweise nicht mehr tat, seitdem ich ihn einmal ordentlich zurechtgestutzt hatte. Da uns dieser Psychotrick – ich wusste nicht, wie ich es sonst nennen sollte – jedoch bereits mehrfach Ärger erspart hatte, beschwerte ich mich nicht, wenn Adam ihn gegenüber anderen einsetzte. Lieber nutzte ich die Energie und versuchte immer mal wieder, ihm die Erklärung dieses Geheimnisses aus den Rippen zu leiern. Doch egal, wie viel ich nörgelte, bettelte oder ihn zu bestechen versuchte, Adam grinste nur verschwörerisch, sagte so etwas wie: »Ein Magier verrät nie seine Tricks« und wechselte anschließend das Thema, bis ich keine Lust mehr hatte, mir noch länger über seine Geheimniskrämerei den Kopf zu zerbrechen.

Die Gesichtsfarbe unserer Lehrerin normalisierte sich wieder und ihre verkniffene Mimik wich einem zarten Lächeln. Einsetzendes Gemurmel zeugte davon, dass der übrige Kurs sich wieder anderen Themen zuwandte.

Mrs. Fitzpatrick strich sich über die Jacke ihres dunkelgrauen Nadelstreifen-Hosenanzugs. »Nun ja, da haben Sie wohl recht. Besonders da heute ein so schöner Tag ist, nicht wahr?« Mit glasigem Blick drehte sie sich zur Seite und sah aus dem Fenster.

Als würde ich einem Reflex folgen, sah auch ich hinaus und betrachtete den strahlend blauen Himmel, der sich durch das große, schlecht geputzte Glas präsentierte. Der alte Besen hat recht. Heute war tatsächlich traumhaftes Wetter – was für San Francisco im Monat Mai jedoch keine große Besonderheit darstellte. Hier schien die Sonne dreihundertsechzig Tage im Jahr – selbst bei Regen.

»Na, sehen Sie.« Adams Stimme riss mich aus meinen Gedanken und lenkte mich zurück in die Realität. »Und wenn ich mich nicht täusche, haben Sie heute Abend ein Date mit Mr. Miller, oder?« Er wackelte mit seinen Augenbrauen, was einerseits völlig unpassend und gleichzeitig megawitzig aussah. Mühsam verkniff ich mir ein Grinsen, obwohl Mrs. Fitzpatrick gar nicht zu uns rübersah. Ihr Blick war noch immer verträumt auf die wogende Wiese gerichtet. Wahrscheinlich stellte sie sich gerade vor, wie sie ihrem Date bei einem romantischen Picknick Weintrauben in den Mund schob.

Würg!

Manchmal verabscheute ich meine blühende Fantasie! Außerdem … woher wusste Adam schon wieder von dieser Verabredung? Interessierte er sich ernsthaft für das Privatleben seiner Lehrer? Das wollte ich mir nicht vorstellen! In meiner Welt waren sie nämlich keine echten Menschen, sondern nur irgendwelche Gestalten, die ausschließlich dazu existierten, uns Schüler zu foltern und uns das Leben zu vermiesen, solange wir gesetzlich an diesen grausamen Ort namens »Highschool« gebunden waren. Schließlich mussten all die Ideen für Fantasy-Sci-Fi-Horrorfilme mit Aliens, Dämonen und Geistern ja irgendwo herkommen.

»Ja, Sie haben recht, Mr. Hill.« Mrs. Fitzpatrick hatte unsere Existenz anscheinend doch nicht vergessen. »Und wenn ich Sie beim Nachsitzen beaufsichtigen muss, verpasse ich meinen Friseurtermin.« Gedankenverloren fuhr sie sich mit den Fingerspitzen über die mit Haarspray verklebten Strähnen.

Angewidert verdrehte ich die Augen. Mit einem Stoß in die Seite wollte ich Adam darauf hinweisen, die Sache mit seinem Hypnosetrick nicht zu übertreiben, als die Schulglocke die Stunde beendete und uns in die Mittagspause entließ.

Als wäre Mrs. Fitzpatrick gerade aus einem tiefen Schlaf erwacht, durchfuhr sie ein Zucken und sie blinzelte überrascht. »Ähm, ja. Dann wäre das ja jetzt geklärt. Die … die Hausaufgaben für heute stehen an der Tafel.«

Ich beugte mich zur Seite, um an ihr vorbei nach vorn auf das grüne Board zu sehen, entdeckte jedoch keine Notizen. Bevor unsere Lehrerin ihr Missgeschick bemerkte und das Versäumnis nachholte, packte ich meinen Kram zusammen, erhob mich von meinem Platz und schulterte meinen Rucksack.

»Gern geschehen.« Adam grinste mich breit an, während er ebenfalls aufstand und sich seine Schultasche umhängte. Da er nie irgendwelche Utensilien wie Bücher, Hefte oder andere Schreibunterlagen dabeihatte, verlor er keine Zeit beim Zusammenpacken.

Von seiner Aussage überrascht, lachte ich. »Wofür ›gern geschehen‹? Eine Entschuldigung wäre angebracht, immerhin hast du meine Hausaufgaben geklaut!« Ehe Adam antwortete, gesellten wir uns zu den anderen Schülern, die zielstrebig auf die Tür zusteuerten. »Wenn ich deinetwegen nachsitzen müsste, gäbe es richtig Ärger!« Ich setzte einen einschüchternden Blick auf, den Adam unbeeindruckt mit einem Grinsen kommentierte. Er kannte diesen Blick und hatte mir einmal gesagt, ich würde damit wie ein angriffswütiger Hamster aussehen.

Zur Strafe knuffte ich Adam gegen den Arm, doch auch das ließ ihn völlig kalt.

Wir verließen das Klassenzimmer und traten auf den überfüllten Schulflur. Sofort umgab uns ein Strom lachender und plappernder Schüler, der uns unaufhaltsam den breiten Gang entlangschob.

»Als ob du jemals meinetwegen Ärger bekommen würdest.« Adam sah mich an, als hätte ich ihn verletzt, und diesmal lachte ich amüsiert. Ich kannte ihn lange genug, um ihm seine Mimik nicht abzukaufen.

»Deinetwegen gerate ich regelmäßig in Schwierigkeiten!« Ich lachte gut gelaunt. Es war zwar Montag, aber wir hatten tolles Wetter und ein spektakuläres Wochenende lag hinter uns. Okay, eigentlich waren wir nur am Strand gewesen, doch Adam hatte es mal wieder geschafft, einen scheinbar stinklangweiligen Tag in eine Aneinanderreihung von Kuriositäten zu verwandeln. Allein bei der Erinnerung daran war ich kurz davor, in schallendes Gelächter auszubrechen.

Als Adam nichts auf meinen vermeintlichen Vorwurf erwiderte, nahm ich das Gespräch wieder auf, ohne dabei meine Erheiterung zu verbergen. »Du bist wirklich nicht der beste Umgang für mich! Ich weiß gar nicht, weshalb ich überhaupt mit dir befreundet bin.« Im Gehen stupste ich Adam mit meiner Schulter an und grinste frech, als er zu mir runtersah.

»Hey! Ohne mich hättest du bei Weitem nicht so viel Spaß! Denk allein an den Typen zurück, den wir am Samstag getroffen haben.«

Das tat ich und musste gleich laut losprusten. »Oh mein Gott! Ja! Das war gigantisch! Du wolltest mir noch erzählen, wo du das dressierte Stinktier herhattest!«

In Gedanken kehrte ich zurück zum letzten Samstag …

Adam und ich waren surfen gewesen. Ich erholte mich gerade von einem anstrengenden Wellenritt, während er noch im Wasser war. Irgendwann kam er raus und weckte mich aus einem leichten Dämmerschlaf. Wortlos stupste er mich an, und als ich ihn fragend ansah, deutete er auf einen Typen, der sich lasziv mit Öl einrieb und dabei seine Anabolikamuskeln spielen ließ. Zuerst verstand ich nicht, was daran so besonders war – diese Sorte Mann gab es in Kalifornien an jeder Ecke –, doch dann tauchte einen Moment später ein Stinktier auf. Es lief völlig entspannt auf den Typen zu und machte es sich auf seinem Handtuch bequem. Als der Typ bemerkte, wer sein neuer Freund war, wollte er das arme Tier verscheuchen, aber das hatte nicht vor zu gehen. Wir bekamen einen mehrminütigen Kampf um das Handtuch geboten. Irgendwann gab der Anabolikafanatiker auf und überließ dem Stinktier seinen Platz samt Frottee. Bei der Erinnerung stiegen mir Lachtränen in die Augen.

»Ich weiß nicht, was du meinst. Ich habe mit dem Tier überhaupt nichts zu tun! Es war purer Zufall, dass ich es bemerkt habe. Und ja, okay, vielleicht bin ich tatsächlich ein Magnet für Ärger, trotzdem hast du meinetwegen bisher nie wirklich Stress gehabt, oder?« Adam gab mir keine Chance zu antworten. »Was meinst du wohl, warum du in jeder Situation ohne Strafe davonkommst? Weil du mich hast!« Das Selbstbewusstsein, mit dem er mich ansah, war kaum zu überbieten.

»Ein Zufall, hm? Genauso wie bei dem Löwenbändiger, der im Zirkus auf seinem Stuhl festklebte und sich minutenlang das Gesicht von drei Raubkatzen ablecken lassen musste?« Ich hatte natürlich keine Beweise – geschweige denn eine Idee, wie Adam das bewerkstelligt hatte –, aber meinem Bauchgefühl nach war er an der Sache beteiligt gewesen. Mein Verdacht stützte sich auf die Unterhaltung, die wir geführt hatten, nachdem wir von den erbarmungswürdigen Zuständen der Zirkustierhaltung erfahren hatten. Als wir sahen, in welch winzigen und beengten Käfigen die Tiere hausten, bis sie in die Manege mussten, um dort unwürdige und verachtenswerte Tricks aufzuführen, die man ihnen unter Androhung von Schmerz und Leid beigebracht hatte, beschlossen wir, ab sofort einen riesigen Bogen um solche Veranstaltungen zu machen.

Doch im Nachhinein hatte sich unser Zirkusbesuch als glückliche Fügung entpuppt. So hatten wir miterlebt, wie sich der Löwendompteur und der Zirkusdirektor nach der Vorstellung stritten, bis am Ende das Versprechen gefallen war, die »wilden Bestien« in ein passenderes Zuhause zu entlassen, um das Leben der Zirkusmitarbeiter nicht länger zu gefährden.

Adam erwiderte nichts auf meine Worte, sondern grinste nur verschwörerisch, tippte sich gegen die Nasenspitze und zwinkerte mir anschließend zu.

Das erinnerte mich daran, was wir in all den Jahren, seit wir uns kannten, zusammen erlebt hatten. »Okay, okay, ich nehme alles zurück, Adam! Du bist mein großer Held! Mein Retter in der Not, mein Schutzengel in allen Lagen. Mein Ritter auf dem weißen Ross, mein …«

Während ich die Liste fortführte, peilten wir den Weg zu meinem Spind an. Obwohl Adam seinen eigenen besaß, benutzten wir ausschließlich meinen. Er begründete diesen Umstand mit schierer Faulheit – schließlich befand sich mein Spind im Erdgeschoss, wo auch fast alle unsere Kurse stattfanden, seiner hingegen war im zweiten Obergeschoss und er hatte keine Lust, nach jeder Stunde hinaufzurennen. Dabei fragte ich mich, was er in seinem Spind überhaupt bunkern würde. Bücher, Schreibunterlagen oder gar Notizen hatte er nie bei sich. In seinem Rucksack befanden sich nur ein iPod, etwas Essbares – was er an den meisten Tagen mir andrehte, weil ich mein eigenes Frühstück stets zu Hause vergaß – und eine Sweatshirtjacke, die er nie trug, provisorisch jedoch mitschleppte. Man weiß ja nie, wann man sie gebrauchen kann, war seine schlichte Begründung.

»Höre ich da etwa einen Hauch Sarkasmus in Ihrer Stimme, Ms. Harper?« Adam unterbrach meine Aufzählung und sah mich fragend an. Beinahe nahm ich ihm seine gespielte Kränkung ab, doch schließlich verrieten die zuckenden Mundwinkel seine Lüge.

Ich hatte gerade meine Bücher, die ich für den Nachmittagsunterricht nicht brauchte, in den Spind gestopft, als ich mich zu Adam umdrehte, der sich mit verschränkten Armen an den Nachbarspind lehnte. »Nur einen Hauch? Dann war ich definitiv zu subtil.« Ich grinste breit. »Zum Glück hab ich dich lieb und wiederhole mich gerne für dich.« Mit einem theatralischen Räuspern fuhr ich fort. »Adam, ohne dich wäre ich hemmungslos aufgeschmissen! Mein Leben wäre leer, einsam und ohne jeglichen Sinn. Bitte, bitte, bitte verlass mich niemals! Ich weiß nicht, was ich sonst mit mir anfangen sollte!« Zum Finale meiner Aufführung warf ich mich an seine breite Brust, krallte meine Finger in sein T-Shirt und vergrub mein Gesicht in dem warmen, duftenden Stoff.

Ich wusste nicht, mit welcher Reaktion ich gerechnet hatte, aber als Adam seine Arme um mich legte und mich sanft zu sich heranzog, war ich ziemlich überrascht. Natürlich war ich es gewohnt, von ihm umarmt zu werden. Wir kuschelten auch hin und wieder miteinander, jedoch taten wir das für gewöhnlich nicht in aller Öffentlichkeit – besonders nicht in der Schule mitten auf einem Gang, während unzählige Schüler an uns vorbeiliefen!

Gerne hätte ich Adam gefragt, woher sein plötzliches Bedürfnis nach einer Kuscheleinheit rührte, da beugte er sich bereits zu mir herunter und flüsterte mir etwas ins Ohr. »Tu so, als wären wir beide verliebt und könnten nicht die Finger voneinander lassen. Los!«

Ich hatte keine Ahnung, was das sollte, aber ich vertraute Adam blind. Ohne nachzuhaken löste ich die Hände aus seinem Shirt, schlang meine Arme um seine Taille und schmiegte meine Wange an seinen trainierten Oberkörper. Um das Bild zu perfektionieren, schloss ich verträumt die Augen und zauberte mir ein verliebtes Lächeln ins Gesicht.

In dieser intimen Pose verharrten wir einige Sekunden, bis eine bekannte Stimme in unserer unmittelbaren Nähe erklang und mich dazu veranlasste, die Lider zu öffnen.

»Wow, also stimmen die Gerüchte, Avery?« David Sinclaire – Schulschwarm Nummer eins, Leadsänger einer angesagten Indieband und Covermodel für einen Unterwäschekatalog – blickte überrascht zwischen Adam und mir hin und her.

»Welche Gerüchte?« Ich löste mich von Adams Brust, ohne ihn loszulassen. Stattdessen schmiegte ich mich eng an seine Seite, meinen Arm um seinen unteren Rücken geschlungen, während Adams Arm locker auf meiner Schulter lag.

Ich sah David neugierig an. Die Frage war ernst gemeint. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, auch wenn ich eine ungefähre Richtung erahnte. Dabei verstand ich nicht, weshalb David sich für meinen vermeintlichen Beziehungsstatus überhaupt interessierte. Wir kannten uns kaum und sprachen fast nie miteinander. David und ich lebten in zwei völlig verschiedenen Highschoolwelten, die keine Berührungspunkte besaßen. Er gehörte zu den Beliebten und Angesagten, und ich … Tja, wie sollte ich die Ansammlung Verrückter bezeichnen, die ich »Freunde« nannte?

»Na, dass du vom Markt bist.« David lachte amüsiert. Seine breite Statur wirkte noch mächtiger, als er lässig die Arme vor der Brust verschränkte und mich mit seinen leuchtend blauen Augen ansah. Dank seiner kurzen schwarzen Haare schien das Blau regelrecht zu strahlen. »Schade eigentlich. Ich dachte, wir beide gehen mal miteinander aus.« Er zwinkerte mir zu und ich sah ihn sprachlos an. Meint er das ernst? Warum in drei Teufels Namen sollte ich …? Doch David ließ mir keine Möglichkeit, meinen Gedanken zu Ende zu führen, geschweige denn etwas zu erwidern. »Vielleicht überlegst du es dir noch mal. Du kannst mich ja anrufen, wenn du doch Lust bekommen solltest, mit mir und meinen Kumpels abzuhängen.« David verzog seine Lippen zu einem feinen Lächeln, das wohl charmant wirken sollte.

Ich fühlte mich völlig überrumpelt und brachte keinen klaren Gedanken zustande. Er konnte diese schwachsinnige Idee unmöglich ernst meinen. Vermutlich war das nur ein dämlicher Witz oder eine dieser albernen Mutproben, die gerade an unserer Schule »in« waren. Vielleicht hatte er auch einfach keine Lust mehr, das Geplapper seiner hirnlosen Cheerleader-Fanclub-Mitglieder zu ertragen. Wenn das der Fall war, konnte ich es ihm nicht einmal verübeln. Trotzdem war er bei mir an der falschen Adresse. Ich passte ja nicht einmal ansatzweise in die Clubbeschreibung. Anstatt High Heels, Kleidern und Röcken besaß ich nur Jeans, Cargohosen und Chucks. Zudem kannte ich Davids Ruf. Und ich war sicherlich keins dieser Mädchen, die ihre Jungfräulichkeit einem lokalen Popstar vor die Füße warfen, nur weil er mit den Wimpern klimperte.

Ehe ich die Gelegenheit bekam, mir Gedanken über eine schlagfertige Antwort zu machen, übernahm Adam das Gespräch. »Tja, dann kommst du wohl zu spät, David. Ave ist meine Freundin. Und ich werde sehr gut auf sie aufpassen.«

Verwundert bemerkte ich, dass Adam mich angrinste. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, doch ehe es mir möglich war, meiner Irritation verbal Ausdruck zu verleihen, beugte sich mein »Freund« zu mir herunter und hauchte mir einen sanften und zärtlichen Kuss auf die Lippen. Auch wenn die Berührung völlig unschuldig war, spürte ich, wie mir das Blut in die Wangen schoss. Was ist denn jetzt los?

Adam lächelte mich kurz an, ehe er eine ausdruckslose Miene aufsetzte und sich David zuwandte. »Sorry, Kumpel. Aber es gibt ja noch genügend andere Frauen, bei denen du es versuchen kannst.« Er zuckte lässig mit der freien Schulter, schlug dabei die Tür meines Spinds zu und schob mich sanft und gleichzeitig bestimmt an dem verdutzten David vorbei, dessen Blick sich in meinen Nacken brannte.

 

~ Zwei ~

 

Adam schob mich weiter durch den Gang, vorbei an unzähligen Schülern, die ebenfalls auf dem Weg zur Cafeteria waren. Ich schaffte es, den Mund zu halten, bis wir außer Sicht- und Hörweite waren. Doch sobald wir um die nächste Ecke bogen, wand ich mich aus Adams Griff und stellte mich mit verschränkten Armen vor ihm auf.

»Okay, erklärst du mir jetzt mal, was das gerade war?« Ich wusste nicht, ob ich lachen oder sauer sein sollte.

»Was meinst du?« Adam sah mich ehrlich irritiert an.

»Was ich meine?« Ich entschied mich fürs Lachen, immerhin war es Adam – Knallkopf, bester Freund und so was wie mein selbst ausgewählter Bruder –, mit dem ich hier sprach. »Na ja, fangen wir mit dem ersten Punkt an: Seit wann gehen Gerüchte um, dass ich vom Markt bin?« Ich betonte die letzten drei Worte und malte Anführungszeichen in die Luft. »Dann der zweite und dritte Punkt zusammen: Seit wann interessiert sich David Sinclaire für meinen Beziehungsstatus, und wie kommt er auf die bescheuerte Idee, ich würde mit ihm abhängen wollen? Zu Punkt vier und fünf: Was sollte der Spruch mit der Freundin und wie ist der anschließende Kuss zu deuten?« Bei der Erwähnung eben dieses kribbelten meine Lippen und ich fuhr mit dem Handrücken darüber. Auch wenn es nicht der erste Kuss zwischen Adam und mir gewesen war, mochte ich es nicht, wenn er mich derart überrumpelte. Und besonders nicht in der Schule, wo eine solche Showeinlage nicht unbeobachtet blieb.

Adam zog eine Schnute und legte seinen Kopf leicht schräg. »Na ja … also, wenn du eine ehrliche Antwort auf deine Fragen willst …« Er räusperte sich. »Punkt eins: Ich habe mitbekommen, wie Casanova mit seinen Band-Lemmingen nach dem Sport in der Umkleidekabine darüber philosophierte, welches mitleiderregende Geschöpf aus unserer Stufe noch nicht das Vergnügen hatte, eines seiner Privatkonzerte erleben zu dürfen. Dabei fiel auch dein Name. Und da ich ihm diesen Floh gleich aus dem Kopf treiben wollte, habe ich ihm eben gesagt, er solle dich lieber gleich vergessen … sonst werde er es bereuen.« Adam grinste verschlagen. »Als er mich daraufhin fragte, ob zwischen uns beiden etwas läuft, habe ich … es nicht abgestritten.«

»Adam!« Ich keuchte und lachte gleichzeitig.

Mein Gegenüber hob abwehrend die Hände. »Hey! Sieh mich nicht so vorwurfsvoll an! David soll gar nicht erst auf diese Art an dich denken! Und da ich generell nicht lüge – das weißt du genau –, habe ich eben … nichts gesagt.« Adam zuckte unschuldig mit den Schultern. Die Szene, wie sich Adam vor David aufbaute und ihn bedrohte, erschien bildhaft vor meinem inneren Auge.

Auch wenn Adam wie ein wahrer Engel aussah – mit seinen sanften karamellfarbenen Augen, den goldblonden Locken, den hohen Wangenknochen und den vollen Lippen –, wusste ich aus eigener Erfahrung, wie einschüchternd er wirkte, wenn er wirklich sauer war. Zum Glück kam dieser Zustand äußerst selten vor.

»Aber du hast doch gerade gelogen. Du hast gesagt, ich sei deine Freundin!«

»Du bist doch auch meine Freundin! Oder hast du mir die letzten Jahre etwas vorgemacht?« Entrüstet riss er die Augen auf, schob seine Unterlippe vor und verschränkte schmollend die Arme vor der Brust.

Lachend knuffte ich Adam gegen die Brust, damit er mit dieser schlechten Show aufhörte. »Natürlich bin ich deine Freundin! Aber …« Ich seufzte leise. »Du weißt genau, wie die Sache für David rübergekommen ist.«

Adam hob lässig die Schultern. »Na und? Ist doch nicht unser Problem, wenn der Lackaffe die falschen Schlüsse zieht!«

Mit ernstem Blick durchbohrte ich Adam, der jedoch nicht einmal mit der Wimper zuckte. Natürlich ist das unser Problem!, hätte ich gerne geschrien, doch ich kam gegen seine Argumentation nicht an und sparte mir deshalb die Mühe.

Ich nickte und ließ abermals einen Seufzer hören. »Okay, schon gut, du hast gewonnen! Was ist mit Punkt zwei bis fünf?«

»Bei Punkt zwei und drei kann ich nur mutmaßen. Ich tippe jedoch darauf, dass Jungs immer das haben wollen, was sie nicht kriegen können. Und da du jetzt vom Markt bist«, Adam imitierte meine Anführungszeichen, »bist du auf einmal wieder interessant. Wie das neue, teure Spielzeug, das ihm ein anderer weggenommen hat.«

Ja, das klingt einleuchtend, wenn auch wenig schmeichelhaft.

»Punkt vier und fünf: Da muss ich nicht viel erklären. Gern geschehen.« Adam zwinkerte mir zu, was meine Laune hob und mir ein weiteres Lachen und gleichzeitig den Wunsch nach einem erneuten Boxhieb entlockte.

»Gott, Adam. Du bist wirklich unmöglich!« Auch wenn ich jetzt verstand, weshalb er so gehandelt hatte, behagte mir Davids plötzliches Interesse nicht. Ich mochte mein Leben ganz genau so, wie es war. Und auch wenn ich noch nie einen festen Freund gehabt hatte, war ich nicht wirklich scharf darauf. Wenn ich anderen Mädchen zuhörte, wie sie über Liebeskummer, ungewollte Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten diskutierten, war ich mit meinem Singleleben ganz zufrieden. Doch da jetzt alle dachten, ich würde mit dem unglaublich beliebten und heiß begehrten Adam Hill ausgehen …

Bei der Vorstellung, was das für mich bedeuten konnte, schüttelte es mich. Dabei war mir Adams Beliebtheit ein Rätsel. Er hing ausschließlich mit mir und zwei weiteren Freunden ab, hielt sich von allen Schulteams fern und war auch kein richtiger Partylöwe, obwohl er immer wieder eingeladen wurde. Trotzdem behandelten ihn alle, als wäre er der Quarterback der 49ers. Besonders die Mädels, die nicht gerade David anschmachteten, liefen meinem besten Freund scharenweise hinterher und bettelten förmlich nach einem Date. Ein weiteres Adam-Phänomen, das sich um ihn rankte wie der Mythos um das Ungeheuer von Loch Ness. Aber wie gesagt: Nach jahrelanger Freundschaft hatte ich aufgehört, mich über so etwas zu wundern. Immerhin hinterfragte ich auch nicht die Existenz von Regenbögen und medizinischen Wundern oder wie Uri Geller Gabeln mit bloßer Willenskraft verbog.

»Ich bin nicht unmöglich, Ave. Ich bin nur kreativ. Und jetzt tu nicht so, als ob dir der Kuss nicht gefallen hätte. Du träumst doch jede Nacht davon, das weiß ich genau.« Adam hatte den Weg zur Cafeteria wieder aufgenommen und ich stolperte ihm verdutzt – und immer noch schmunzelnd – hinterher.

»Ach, das weißt du?«

»Natürlich! Ich höre …«

»Was hört unser Lockenkopf?« Die hohe, piepsige Stimme unserer gemeinsamen Freundin Harmony Jaramango drang zu uns vor, noch bevor ich den zu kurz geratenen Wirbelwind entdecken konnte. Die feurige Latina war vielleicht nur einen Meter sechzig groß, besaß jedoch das Stimmorgan einer übergewichtigen Opernsängerin, was sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter Beweis stellte.

Einen Wimpernschlag später schlängelte sich der knapp bemessene Tornado zwischen laut protestierenden Mitschülern hindurch und steuerte direkt auf uns zu. Wie immer trug Harmony einen unanständig kurzen Faltenrock – heute war er sonnengelb und babyblau kariert –, der ihre sportlichen Beine betonte und nur knapp ihren Hintern bedeckte. Ihre weiblichen Rundungen waren in ein violettes Tanktop gehüllt, und ihre feuerroten Locken verdeckten zum Teil ihre üppigen Brüste. Obwohl sie sich nie schminkte, stachen ihre dunklen, ausdrucksstarken Augen aus ihrem runden, milchkaffeefarbenen Gesicht hervor.

Ich hörte oft, wie Mitschülerinnen über Harmonys extravagantes und farbenfrohes Aussehen herzogen, doch ich mochte ihren Look, und er stand ihr. Ich selbst trug lieber dunkle Töne, weil diese am besten mit meinen blonden Haaren, meiner hellen Haut und meiner Augenfarbe – eine Mischung aus Marineblau und Smaragdgrün, wie Adam sie einmal beschrieben hatte – harmonierten.

»Dass Avery jede Nacht im Schlaf sehnsüchtig meinen Namen stöhnt.« Adam antwortete auf Harmonys Frage und ich warf ihm einen bösen Blick zu. Es war schlimm genug, wenn er diese dämlichen Anspielungen in meiner Gegenwart machte, jedoch hatte Harmony so ihre Probleme, was Sarkasmus anging. Sie glaubte immer alles, was sie hörte, und schaffte es, aus jeder noch so unbedeutenden Kleinigkeit einen irrsinnigen Trubel zu veranstalten. Bei dem Gedanken, wie sie auf diese vermeintliche Neuigkeit reagieren würde, krampfte sich mir der Magen zusammen.

Ich öffnete bereits den Mund, um lautstark zu protestieren und meine Ehre zu verteidigen, doch Harmony unterbrach mich – ganz wie es ihre einzigartige, liebevolle und manchmal anstrengende Art war. Man konnte ihr allerdings keinen Vorwurf machen, denn sie kannte es nicht anders. In ihrer Familie herrschte das Gesetz der Lautstärke. Wer Gehör finden wollte, musste es sich erkämpfen. Und das tat man, indem man alle anderen übertönte. Das war auch der Grund, weshalb es im Haus der Jaramangos immer sehr … lebhaft zuging. Doch genau das mochten Adam und ich an der Familie und wir freuten uns jedes Mal, wenn wir bei ihnen zum Abendessen eingeladen waren.

»Ach das …« Gelangweilt und gleichzeitig entäuscht verdrehte Harmony die Augen und tänzelte an meine freie Seite, um sich bei mir einzuhaken. »Das ist doch nichts Neues. Das weiß ich schon längst!«

Ich sah meine Freundin mit großen Augen an. »Ist das so? Und woher weißt du das, bitte?« Ich hatte ihr so einen Blödsinn gewiss nicht erzählt.

Wir hatten inzwischen den Schulflur durchquert und die Flügeltür erreicht, hinter der sich die Cafeteria befand. Adam – ganz gentlemanlike – hielt eine Seite für uns auf, damit Harmony mich hindurchziehen konnte.

Kaum war ich über die Schwelle getreten, schlug mir eine Wand aus stickiger Luft und ohrenbetäubendem Lärm entgegen. Adam steuerte auf die Essenausgabe zu.

»Woher?« Harmony gelang es problemlos, die dröhnenden Geräusche zu übertönen. »Es ist ein Naturgesetz, Baby. Männer und Frauen können nicht einfach nur befreundet sein. Einer von beiden entwickelt irgendwann unweigerlich Gefühle. Und es ist keine große Überraschung, dass es dich getroffen hat.« Während sie sprach, steuerte sie unseren Stammtisch an, an dem ich bereits einen vertrauten braunen Haarschopf entdeckte. Der dazugehörige Besitzer kehrte uns den Rücken und hatte sich über etwas gebeugt, das auf dem Tisch lag.

Killian – der Vierte in unserer Chaotenrunde – hatte offenbar das Ende seiner Freistunde nicht mitbekommen. Er war der einzige Mensch, den ich kannte, der sich derart intensiv auf eine Sache konzentrierte, dass er nichts und niemanden mehr um sich herum bemerkte.

Ich wollte nicht auf Harmonys Worte eingehen – ein Nachhaken würde sie nur als Bestätigung interpretieren –, doch meine Lippen öffneten sich von selbst. »Und wieso ist das keine große Überraschung für dich, Mony?«

Harmony warf mir einen Blick zu, der wohl so was wie »Meinst du diese Frage ernst?« bedeuten sollte. Als ich sie nur weiter verständnislos ansah, seufzte sie resigniert, stellte sich mir in den Weg und legte mir ihre Hände auf die Schultern. In ihrer Mimik lag eine Mischung aus Verständnis und Mitleid. »Ach, Ave … Ich weiß, dir entgehen viele Dinge, die sich direkt vor deiner Nase abspielen, aber dass Adam ein verdammt heißer Kerl ist, müsste selbst dir aufgefallen sein. Immerhin wohnt ihr zusammen und er ist quasi rund um die Uhr an deiner Seite.«

Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Ja, Adam wohnte bei meiner Mum und mir, weil seine Eltern zu Beginn des Jahres aus beruflichen Gründen nach Mexiko gezogen waren und Adam nicht mitten im Abschluss die Schule wechseln sollte. Aber musste ich gleich in ihn verliebt sein, nur weil er auf andere Frauen attraktiv und begehrenswert wirkte?

Ich erwiderte Harmonys Blick standhaft. Sie war wie ein wandelnder Lügendetektor, bemerkte jede noch so kleine Unsicherheit sofort und biss sich wie ein Bullterrier daran fest. »Und was hat sein vermeintlich tolles Aussehen damit zu tun?« Ich verstand einfach nicht, worauf sie hinauswollte.

Meine Freundin lächelte. »Was denkst du, weshalb die Frauen bei ihm Schlange stehen und er sie abblitzen lässt?« Sie legte den Kopf leicht schräg und betrachtete mich mit liebevollem Blick.

Ich ließ ihre Worte auf mich wirken. Nach einer Weile lachte ich herzhaft. »Gott, Harmony! Ist dir eigentlich klar, was du da für einen Quatsch erzählst?« Ich schüttelte grinsend den Kopf. »Adam steht nicht auf mich! Und ich nicht auf ihn! Wir … wir sind wie Geschwister!« Ich nahm ihre Hände von meinen Schultern und drückte sie sanft. »Du bildest dir da etwas ein, Süße. Wirklich!« Als Harmony den Mund öffnete, um zu widersprechen, kam ich ihr zuvor. »Außerdem lässt er gar nicht alle Frauen abblitzen. Alyssa zum Beispiel ist ihm schon nähergekommen.« Ich erinnerte mich da an die ein oder andere Party, auf der Alyssa Willowglow – ihres Zeichens Schulballkönigin, Schülersprecherin und Redakteurin der Schülerzeitung – mit Adam dabei erwischt worden war, wie sie sich von der feiernden Meute zurückzogen, um allein zu sein. Am nächsten Tag hatte Adam zwar seine Unschuld beteuert – sie hätten sich angeblich nur unterhalten –, doch es fiel mir schwer, ihm das zu glauben. Trotzdem bestand er weiterhin darauf, keine Romanze mit Alyssa gehabt zu haben, und ich hakte nicht weiter nach, selbst wenn ich nicht verstand, weshalb ihm diese Beteuerung so wichtig war. Adam hatte ein Anrecht auf Privatsphäre wie jeder andere auch.

Harmony legte den Kopf noch schräger und musterte mich prüfend. Dann zuckte sie mit den Schultern, drehte mir den Rücken zu und setzte ihren Weg zu unserem Tisch fort. »Wie du meinst. Aber es hätte nur Vorteile, wenn ihr beiden ein Paar wärt!«

»Ach ja? Und welche?«

Mittlerweile hatten wir Killian erreicht. Ich ließ mich auf meinen Platz neben den strebsamen Musterschüler fallen, während Harmony sich mir schräg gegenüber hinsetzte. Adam stand noch immer an der Essenausgabe, wie ich mit einem Blick über meine Schulter bemerkte.

Gleichzeitig sah ich Alyssa, die sich zu ihm gesellt hatte und sich angeregt mit ihm unterhielt. Dabei berührte sie Adam auffällig oft am Arm. Ihre Freundinnen standen nur wenige Schritte von den beiden entfernt und beobachteten sie interessiert. Ihr seid ja kein bisschen neugierig …

»Na, da wären …« Harmony begann die vermeintlichen Vorteile einer Liebesbeziehung zwischen Adam und mir aufzuzählen, als Killian sich einmischte.

»Worüber reden wir?« Das zweite Familienmitglied der Jaramangos schloss geräuschvoll das vor ihm liegende Mathebuch und schob es in seine Tasche. Mit einem gezielten Griff zauberte er eine Getränkedose hervor, deren Label zwei rote Stiere vor einer gelben Sonne präsentierte.

Ich wandte ihm meine Aufmerksamkeit zu. Harmonys Eltern hatten Killian adoptiert, als er acht Jahre alt gewesen war. Adam und ich behaupteten, dass es sein Schicksal war, dem kleinen rothaarigen Teufel begegnet zu sein. Seit sie sich das erste Mal gesehen hatten, waren sie unzertrennlich. Und auch wenn es totaler Blödsinn war, war ich der Meinung, die beiden seien Zwillinge, die man bei der Geburt getrennt hatte.

Während Killian seine Dose mit einem lauten Zischen öffnete und seine Lippen sogleich auf das Metall presste, damit das aufschäumende Getränk nicht überlief, musterte ich sein Outfit. So sehr Harmony auf Mode und gutes Aussehen achtete, so nebensächlich schien dieses Thema für Killian zu sein. Er war ungefähr einen Meter achtzig groß, hatte strahlend blaue Augen, trug sein mausbraunes Haar kinnlang und versteckte seinen sportlichen Körper hinter schlabberigen T-Shirts mit Comicmotiven – heute war es olivgrün und hatte einen besoffenen Kermit-der-Frosch-Aufdruck. Die meiste Zeit versteckte er sich hinter Büchern oder dem Bildschirm seines Laptops. Selbst wenn wir am Strand waren, hatte er stets ein elektronisches Spielzeug dabei, mit dem er sich die Zeit vertrieb, während wir surften.

Killian bemerkte meinen musternden Blick und hob fragend eine Augenbraue. Er wartete immer noch auf eine Antwort.

Ich überspielte den peinlichen Moment mit einem Augenrollen. »Harmony philosophiert darüber, welche Vorteile es hätte, wenn ich mit Adam zusammen wäre.«

»Ach, stehst du endlich zu deinen Gefühlen? Wurde aber auch echt mal Zeit!«

Ich riss die Augen auf und formte meinen Mund zu einem perfekten O. Waren denn heute alle durchgedreht? »Ich steh nicht auf Adam! Wie kommt ihr nur auf diesen Unsinn?« Doch ich gab Killian keine Möglichkeit, auf meine Worte zu reagieren, sondern wandte mich wieder Harmony zu. Die plapperte unentwegt weiter und hatte offenbar nicht mitbekommen, dass ihr niemand zuhörte.

»… und stell dir nur mal vor, wie viel Zeit ihr für Sex hättet, so selten, wie deine Mum da ist!«

Sex mit Adam? Bei der Vorstellung verzog ich angewidert das Gesicht und ließ den Kopf auf die Arme fallen, die ich verschränkt auf den Tisch gelegt hatte. Hätte ich sie doch nur weiter ignoriert …

»Wer hätte Zeit für Sex?«

Adams Stimme ließ mich aufblicken. Hatte er sich so schnell aus Alyssas Fängen befreien können? Das wunderte mich. Sie erschien mir ziemlich … besitzergreifend.

Der blonde Lockenkopf ließ sich gerade auf den freien Stuhl mir gegenüber sinken und stellte gleichzeitig sein Tablett ab. Der Gestank des Gemüseauflaufs – oder besser gesagt des ekeligen, grünen Glibberzeugs, das diesen Namen trug – brannte mir in der Nase und verdrängte für einen kurzen Augenblick den Ärger über diese sinnlose Unterhaltung. Doch als Killian Adam auf den neuesten Stand brachte, kehrte meine Anspannung mit voller Intensität zurück und ich unterdrückte ein Seufzen. Ich hasste es, wenn sich unsere Gespräche verselbstständigten und ich die Kontrolle darüber verlor. Und noch mehr hasste ich es, wenn ich im Mittelpunkt des Interesses stand.

»Du und Ave.« Killian nippte an seiner Dose und ich warf ihm einen finsteren Blick zu. Konnten wir nicht endlich das Thema wechseln?

»Du willst Sex mit mir, Ave?« Adam sah mich überrascht an.

Ich konzentrierte mich auf Adams warm dreinblickende Augen und spürte förmlich, wie mein Ärger schwand. Es war schwer zu beschreiben, doch bereits Adams bloße Anwesenheit wirkte beruhigend auf mich. Er hatte etwas zutiefst Tröstliches an sich und schaffte es, dieser dämlichen Unterhaltung mit Witz zu begegnen.

»Natürlich. Ich habe nämlich gerade erfahren, dass du heiß bist. Und da ich nicht länger ›die letzte Jungfrau‹ an der Highschool sein will, dachte ich, du wärst ein passendes Objekt für meinen Plan.« Grinsend streckte ich ihm die Zunge raus, was er mit einem zufriedenen Lächeln kommentierte.

Harmony hatte den Sarkasmus in meiner Stimme – natürlich – nicht bemerkt und seufzte erleichtert. »Endlich siehst du es ein, Ave!« Mit ihren neonorange lackierten Fingernägeln fuhr sie sich durch die leuchtenden Locken, während mich ihre dunklen Augen fokussierten. »Immerhin habt ihr mit eurem Rumgeknutsche auf dem Flur schon den ersten Schritt in die richtige Richtung getan. Jetzt müsst ihr nur dranbleiben!«

»Woher weißt du das denn schon wieder?« Ich sparte mir die Mühe, ihr zu erklären, dass der Kuss nichts zu bedeuten hatte. Sie würden mir sowieso nicht zuhören – geschweige denn glauben.

»Ich hab euch gesehen.« Meine Freundin klang ehrlich stolz, als hätte sie ein gut gehütetes Geheimnis gelüftet. »Ich war gerade auf dem Weg zu euch, aber ihr saht beschäftigt aus, deshalb bin ich wieder abgehauen. Ich wollte ja nicht stören.«

Ich seufzte hörbar und warf Adam einen bösen Blick zu. Siehst du! Das hast du jetzt davon!

Adam lachte herzlich – dabei wusste ich nicht, ob über Harmonys Schlussfolgerung oder meinen verzweifelten Gesichtsausdruck. »Sorry, Mony, das war meine Schuld. Ave hat mir nicht ihre Gefühle gestanden. Ich habe sie mit dem Kuss überfallen, um sie vor David Sinclaire zu schützen.« In kurzen Sätzen berichtete Adam, wie es zu der intimen Szene gekommen war. Er schien meine Ehre retten und die Gerüchte aus der Welt schaffen zu wollen.

»David hat ein Auge auf Avery geworfen?« Harmony und Killian stießen ihre Frage synchron aus. Ihre beinahe identisch wirkenden entsetzten Gesichter entschädigten mich und ich grinste.

Adam beantwortete die Frage mit einem Nicken und machte sich emotionslos über sein Essen her. Doch ich kannte meinen besten Freund gut genug. Die Begegnung mit David beschäftigte ihn mehr, als er zugeben wollte – ich verstand einfach nur nicht wieso!

Für einen Moment herrschte Schweigen, ehe Harmony das Gespräch wieder aufnahm. »Na, das passt doch.« Sie kramte eine Haarbürste aus der Tasche und fuhr sich damit durch die Strähnen. Sie konnte einfach nicht ruhig sitzen bleiben und war ständig in Bewegung – ein Tick, der auf die Dauer ziemlich anstrengend war. »Avery bekommt David, und Adam schnappt sich Alyssa. Eure Kinder werden unglaublich süß und dazu auch noch klug sein!« Der Blick, den sie auflegte, hatte etwas Verträumtes. Unter großer Anstrengung verkniff ich mir ein abfälliges Schnauben.

Adams Reaktion darauf war weniger subtil. Er verschluckte sich an seinem Essen und klopfte sich hustend gegen die Brust. Als er sich wieder gefangen hatte, sah er wütend zu Harmony. »Ganz bestimmt fängt Ave nichts mit David an! Das kann sich dieser Vollpfosten abschminken!« Als er merkte, wie harsch seine Reaktion war, senkte er den Blick wieder auf sein Essen. Verblüfft starrte ich ihn an. Ich kannte Adams fürsorgliche Seite, aber dieser Spruch ging nun doch etwas zu weit. Immerhin war er nicht … Mir fiel nicht eine Konstellation ein, die dieses Verhalten rechtfertigen würde.

»Ach ja? Und wieso nicht?« Ich verschränkte die Arme vor der Brust. An David hatte ich überhaupt kein Interesse, aber ich mochte es nicht, wenn mir jemand Vorschriften machte. Das wusste Adam ganz genau!

Mein bester Freund hatte seinen kurzen Ausbruch bereits überwunden, denn als er nun aufsah, grinste er mich feixend an. »Weil er ein Idiot ist und du Besseres verdient hast!«

Ein ironisches Lachen entfloh meinem Mund. »Ja, klar. Prince Charming ist eigentlich ein Frosch und ich habe natürlich Superman verdient.«

Adam öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Harmony kam ihm zuvor. »Oh nein, bitte nicht Superman! Der trägt seine Unterhosen über einer Strumpfhose!« Meine Freundin schüttelte angewidert den Kopf. »Dann doch eher Batman! Der ist so herrlich düster und geheimnisvoll …« Mit glänzendem Blick sah sie in die Luft und lachte leise.

»Von mir aus. Dann eben Batman!« Solange es nicht Antman sein muss … Ich kicherte über meine Gedanken.

»Ave braucht keinen Kerl, um glücklich zu sein. Sie hat schließlich mich.« Adam zwinkerte mir zu und ich schmunzelte. Er hatte recht. Wozu brauchte ich einen Typen, der mir aller Wahrscheinlichkeit nach nur Kummer bereiten würde? Mit Adam an meiner Seite war ich wunschlos glücklich.

Harmony seufzte verträumt und sah zwischen Adam und mir hin und her. »Ach, Mensch … wollt ihr es nicht doch mal miteinander versuchen? Ihr wärt wirklich ein tolles Paar!«

Mit einem unterdrückten Seufzen wandte ich mich an meine Freundin. Ich musste endlich ein Machtwort sprechen, damit sie dieses Thema nicht immer wieder ansprach. »Harmony! Eine Beziehung zwischen Ad und mir wäre ungefähr so, als würdest du mit Killian ins Bett gehen!«

Die ungleichen Geschwister keuchten synchron auf und ich grinste. Endlich schienen sie es verstanden zu haben.

»Igitt! Avery! Wie kannst du so was nur aussprechen? Wir sind Bruder und Schwester! Das … das ist …« Harmony suchte nach einem passenden Wort. »… krank!«

»Ihr seid nur auf dem Papier verwandt! Legal dürftet ihr zusammen sein.« Glaube ich zumindest. So sicher war ich mir da nicht, aber um die wahre Beziehung zwischen Adam und mir zu verdeutlichen, musste es reichen.

»Das ist pervers! Wirklich!« Nun mischte sich auch Killian ein und präsentierte dabei einen Gesichtsausdruck, der mich erneut zum Lachen brachte.

»Na, dann wisst ihr ja jetzt endlich, wie es mir geht, wenn ihr mir eine Affäre mit Adam andichten wollt!« Ich ließ ihnen einen Moment Zeit, meine Worte zu verinnerlichen. »Ad ist wie ein Bruder für mich. Oder, Adam?« Fragend suchte ich seinen Blick.

Adam nickte. »Ja, lasst meine kleine Schwester in Ruhe. Sonst darf ich mir den ganzen Nachhauseweg anhören, wie gemein ihr gewesen seid.«

Die Jaramango-Geschwister lachten. Ich stimmte mit einem Kichern ein, griff aber gleichzeitig nach der Haarbürste, die auf dem Tisch lag, und bewarf Adam damit. Jetzt, nachdem alle verstanden hatten, dass zwischen ihm und mir niemals etwas laufen würde, entspannte ich mich und ließ mich von der lockeren Stimmung mitreißen.

»Hey! Ich nehme dich hier in Schutz, Ave! Du solltest mich besser nicht gegen dich aufbringen. Ich kenne all deine peinlichen Geheimnisse. Oder soll ich den anderen erzählen, welchen Song du letzte Woche unter der Dusche gesungen hast?«

Entsetzt sah ich Adam an. Das hat er nicht gehört, oder? Ich war mir sicher gewesen, allein im Haus zu sein, während er zum Joggen unterwegs war.

»Das würdest du nicht wagen!« Unter keinen Umständen durfte das Tratschmaul Harmony von meiner Justin-Bieber-Playlist erfahren, die ich immer dann trällerte, wenn ich allein war. Selbst Adam hätte es niemals mitbekommen sollen. Leider war es dafür offensichtlich zu spät.

»Natürlich würde ich!« Adam lachte und begann die Melodie von »Baby« anzustimmen – als Beweis dafür, dass er nicht bluffte.

Harmony und Killian lachten noch lauter, während ich mir prustend die Hände vor das Gesicht schlug. Wie peinlich!

Als Adam sich dann auch noch über den Tisch beugte, meine Hand ergriff und mich auf diese Weise zwang, ihn anzusehen, während er tatsächlich zu singen begann, wandelte sich mein Lachen immer mehr zu einem ausgewachsenen Anfall, bis ich kaum noch Luft bekam. Tränen stiegen mir in die Augen und ich musste mir den Bauch halten.

»Oh Baby …«

Mit jedem Wort, das Adam sang, verstärkte sich mein Lachen, bis ich zu japsen begann. Ich riss den Mund auf, um nach Luft zu schnappen, doch kein Sauerstoff gelang in meine Lungen.

Die Heiterkeit, die mich eben noch mitgerissen hatte, erstarb augenblicklich und ich griff mir panisch an die Kehle. Mit einem Ruck hob ich den Kopf.

Ich ersticke!

Hilfesuchend sah ich mich um, aber außer mir war niemand mehr in der Cafeteria. Alle Schüler, Lehrer und Mitarbeiter waren schlagartig verschwunden.

Auch Killian und Harmony.

Sogar Adam.

Mein Herzschlag begann zu rasen und meine Handflächen wurden feucht. Ich wollte um Hilfe schreien, aber mein Mund war völlig ausgetrocknet. Keine Silbe kam über meine Lippen. Meine Sicht begann zu verschwimmen und die Luft in der Cafeteria wurde drückender. Schweiß rann mir über die Schläfen, den Nacken und meinen Rücken. Schwarze Flecken bildeten sich vor meinen Augen und ich rutschte vom Stuhl, während mein Kreislauf zu kollabieren drohte.

Als ich aufschlug, spürte ich den harten Boden unter meinen Knien. Meine Hände hatte ich immer noch um meinen Hals geklammert.

Ich ersticke!

 

~ Drei ~

 

»Ave? Bist du okay?«

Etwas berührte mich an der Schulter und mit einem Mal war alles wieder gut. Wie aus dem Nichts tauchten Adam und Harmony vor mir auf. Killian saß ebenfalls wieder neben mir und es war seine Berührung, die mich in die Realität zurückholte.

Irritiert blickte ich mich um. Ich saß auf meinem Stuhl, konnte problemlos atmen und scharf sehen. Auch die Geräuschkulisse der Cafeteria nahm ich wahr, ebenso wie all die Menschen, die hier ihre Mittagspause verbrachten.

»Avery? Hörst du mich?« Adam wedelte mit seiner Hand vor meinem Gesicht.

Ich blinzelte ein paar Mal, um meine trägen Gedanken in Schwung zu bringen. Was ist gerade passiert?

Als ich Adams besorgtes Gesicht sah, zwang ich mich zu einem leisen Lachen. »Was? Ja, ja! Alles gut.« Immer noch irritiert wischte ich mir die Hände an der Hose ab. »Ich hatte nur …« Ja, was war das eben gewesen? Ein Tagtraum? Eine Vision? Oder hatte ich einen Schlaganfall? Was auch immer es gewesen war, es sollte sich bitte nicht wiederholen! Dafür hatte es sich zu echt angefühlt. »Ach, schon gut.« Ich schüttelte lächelnd den Kopf, um das Thema zu beenden. Was sollte ich den anderen schon erzählen? Ich wusste ja selbst nicht einmal, was gerade passiert war. Nur dass es sich unglaublich real angefühlt hatte.

Killian nahm seine Hand von meiner Schulter. Auch sein Blick zeugte von Sorge. Wie seine Schwester und Adam hatte er die Stirn in Falten gelegt. »Bist du dir sicher, Ave? Erst hast du noch mit uns gelacht, und dann …« Er schnippte mit den Fingern. »Du warst auf einmal wie erstarrt. Als wärst du in Trance.«

Ich schaute jedem meiner Freunde ins Gesicht und entdeckte nichts als Gram, was mich innerlich seufzen ließ. Ich liebte sie alle. Wirklich. Aber wenn sie sich sorgten, waren sie schlimmer als meine Mum. Daher entschied ich mich, ihnen nichts von diesem … was auch immer zu erzählen. Wahrscheinlich war ich unterzuckert, weil ich das Frühstück hatte ausfallen lassen.

»Ja, wirklich. Es ist alles okay.« Ich zauberte mir ein möglichst überzeugendes Lächeln ins Gesicht und wechselte das Thema. »Ach, und Ad? Ich bin dir wirklich dankbar für dein Eingreifen David gegenüber, aber erwarten die anderen jetzt nicht, uns ständig eng umschlungen und knutschend anzutreffen?«

Adam betrachtete mich weiterhin argwöhnisch. Offenbar rechnete er jeden Moment mit meinem Zusammenbruch. Nur langsam schien er sich zu entspannen, doch ich nahm ihm die Unbekümmertheit nicht ab.

»Na und? Selbst wenn sie das erwarten, wen interessiert das?«

Killian und Harmony nickten bestätigend und ich stimmte zögerlich mit ein. Natürlich hatten sie recht, dennoch mochte ich keine Gerüchte mit mir in der Hauptrolle.

Adam musterte mich eingehend, dann nickte auch er. »Schon okay, Ave, ich versteh, was du meinst. Tut mir leid. Ich wollte nicht, dass du dich unwohl fühlst. Aber mach dir keine Gedanken, ich bieg das wieder hin.« Er zwinkerte mir aufmunternd zu und der Knoten in meiner Brust lockerte sich. Diesmal war mein Lächeln ehrlich gemeint.

»Danke, Ad.«

»Oh! Habt ihr schon gehört? Alyssa veranstaltet am Wochenende eine Party am Strand!« Harmony hatte ihre Aufmerksamkeit auf ihr Handy gerichtet und schien der Meinung zu sein, dass ein weiterer Themenwechsel angebracht war. Offenbar hatte sie das Interesse an ihrer Verkupplungsmission verloren.

Killian und Adam reagierten auf ihre Worte, während ich den Mund hielt und mich auf meinem Stuhl zurücklehnte. Ich brauchte einen Moment Ruhe, in dem die allgemeine Aufmerksamkeit nicht mir galt.

Mit halbem Ohr folgte ich der Unterhaltung. Harmony und Killian beschwerten sich, weil sie nicht zur Party gehen konnten. Sie flogen dieses Wochenende nach Los Angeles, wo die Hochzeit ihre Schwester stattfand. Dafür mussten sie bereits am Freitag nach der Schule los. Da diese Information nichts Neues für mich war, ging ich nicht weiter darauf ein. Erst als meine Freunde zu belanglosen und unverfänglichen Themen wie Musik und die aktuellen Kinofilme wechselten, beteiligte ich mich wieder an dem Gespräch. Aber ich war nicht bei der Sache. Stattdessen versuchte ich das Unbehagen zu verdrängen, das in meinem Magen aufkeimte, sobald ich an das eben Geschehene dachte. Das Gefühl und die Angst zu ersticken waren echt gewesen. Verdammt echt! Aber egal, wie krampfhaft ich mich von diesen Gedanken zu lösen versuchte, es gelang mir nicht. Ebenso wenig, wie ich Adams besorgten Blick ausblenden konnte, den er mir immer wieder zuwarf.

 

***

 

Am nächsten Tag kehrte der übliche Trott wieder ein. Zumindest teilweise. Harmony und Killian verloren kein Wort mehr über meinen kurzen Aussetzer und die potenzielle Liebschaft zwischen Adam und mir. Dafür ließ Adam mich nicht mehr aus den Augen. Er schien mit einer Wiederholung zu rechnen – die glücklicherweise ausblieb.

Ich hingegen versuchte seinen besorgten Blick nach Möglichkeit zu ignorieren, was mir auch zeitweise gelang. Trotzdem war ich froh, als wir am Dienstagmorgen im Biologieunterricht saßen und Adam seine Aufmerksamkeit auf den Lehrer konzentrieren musste.

Während Mr. Hill uns etwas über die anatomische Zusammensetzung des menschlichen Gehirns erzählte, spürte ich ein leichtes Kribbeln in meiner Brust. Es fühlte sich an, als hätte ich eine Hummel verschluckt, die auf der Suche nach einem Weg in die Freiheit immer wieder gegen meine Rippen stieß. Es war kaum mehr als ein Kitzeln und trotzdem stark genug, um es nicht ignorieren zu können.

Unauffällig drehte ich meinen Kopf erst nach links, dann nach rechts, doch die Aufmerksamkeit meiner Mitschüler galt entweder dem Unterricht oder ihren eigenen Gesprächen. Niemand schien mich zu beachten …

»Alles okay?« Adams warme Finger legten sich auf meinen Unterarm und ich zuckte zusammen. Als ich mich zu ihm umdrehte, blickte ich in sein besorgtes Gesicht.

»Natürlich.« Ich lachte leise und legte meine Hand auf seine. »Jetzt hör auf, mich ständig so komisch anzusehen, Ad. Mir geht’s gut. Wirklich!«

Adam lächelte schwach, sah jedoch nicht überzeugt aus, als er sich wieder dem Unterricht zuwandte. Ich unterdrückte ein Seufzen und tat es ihm gleich, während ich weiterhin bemüht war, dieses nervende Kribbeln auszublenden.

Nach der Biologiestunde hatte ich Kunst und Adam Sport. Wir verabschiedeten uns auf dem Flur und ich steuerte meinen Spind an, um meine Sachen zu holen. Da wir ein paar Minuten früher den Unterricht hatten verlassen dürfen, lag der Gang menschenleer vor mir. Entschlossen zückte ich mein Handy, um Harmony zu texten.

Während ich die SMS verschickte, rempelte mich jemand von vorn kommend an der Schulter an. Perplex sah ich auf und murmelte eine Entschuldigung. Doch der unhöfliche Rempler war bereits weitergegangen und ich musste über meine Schulter blicken, um herauszufinden, mit wem ich zusammengestoßen war.

Die einzige Person, die ich entdeckte, lief den Gang in die entgegengesetzte Richtung weiter und beachtete mich zunächst gar nicht. Doch dann drehte der Typ sich um und zwinkerte mir grinsend zu.

Irritiert starrte ich ihn an. David? Was soll der Mist? Der Flur ist völlig leer! Er hatte genug Platz, um an mir vorbeizukommen! David musste mich absichtlich angerempelt haben. Am liebsten wäre ich ihm nachgegangen und hätte ihn gefragt, weshalb er auf einmal ein so großes Interesse an mir hatte. Lag das an einer dieser dämlichen Teeniefilm-Wette, die den Abschlussball und meine Jungfräulichkeit beinhaltete? Oder hatte Adam recht und es hatte wirklich etwas mit unserer vermeintlichen Beziehung zu tun? Machte mich dieser Umstand plötzlich begehrenswert? Was auch immer es war, ich hoffte, Adam bekam das wieder hin. David hatte mich jetzt nämlich lang genug … beachtet!

Mit einem Kopfschütteln wandte ich mich ab und setzte meinen Weg fort.

Nachdem ich meine Bücher im Spind verstaut und meine Malsachen herausgekramt hatte, spürte ich wieder dieses Kribbeln in meiner Brust und stöhnte genervt. »Was ist das bloß?«

Ich reckte den Kopf aus dem Spind und blickte den Schulflur in beide Richtungen entlang. Aber er war leer. Weit und breit war niemand zu sehen.

 

***

 

Am Mittwochnachmittag wartete ich auf dem Schulparkplatz auf Adam. Der Unterricht war bereits zu Ende, aber Adam hatte sich in der letzten Stunde noch Ärger mit unserem Geschichtslehrer eingehandelt und sollte sich nun beim Direktor melden. Normalerweise bedeutete so etwas Nachsitzen, aber ich machte mir keine Sorgen um Adam. So wie ich diesen Charmeur kannte, war er schneller wieder frei, als ich brauchte, um mir die Schuhe zuzubinden.

Leider musste ich allein auf Adam warten, da Harmony und Killian bereits nach Hause gefahren waren, um ihrer Mutter bei den Vorbereitungen für ihren Wochenendausflug zu helfen. Wir vier wollten uns später in der Mall treffen, damit Adam, Killian und ich Harmony bei der Wahl eines neuen Kleides unterstützen konnten. Die kleine Nervensäge hatte heute Morgen spontan beschlossen, »den Fetzen«, den sie bereits vor Monaten für die Hochzeit gekauft hatte, plötzlich doch nicht anziehen zu können. Und da es unsere Schuld war – schließlich hatten wir sie damals zu dem Kleid »überredet« –, mussten wir ihr bei der Suche nach einer Alternative helfen.

Ich selbst war kein großer Fan von Shoppingtouren, dennoch bereitete mir der Gedanke, mit Adam durch die Geschäfte zu ziehen, gute Laune. Ich wusste zwar nicht, wie er es immer wieder schaffte, aber er machte aus jedem Ausflug etwas Besonderes – meistens weil wir auf der Flucht waren, nachdem wir etwas Saublödes, aber irrsinnig Witziges angestellt hatten.

Während ich auf dem menschenleeren Parkplatz wartete, las ich die neueste Chatnachricht von Killian. Er beschwerte sich über seine Schwester, die viel zu viele Koffer und Taschen packte, weshalb er sich berechtigte Sorgen machte, den ganzen Mist tragen zu müssen.

Ich wollte ihm gerade mein Mitleid bekunden, als ich abermals dieses Kribbeln in der Brust bemerkte. Dieses Mal war es noch deutlicher zu spüren als in den letzten Tagen.

Ungewollt blickte ich auf. Die Sonne stand hoch am Himmel und blendete mich. Ich musste meine Augen mit einer Hand abschirmen, um etwas erkennen zu können. Doch bis auf eine überschaubare Anzahl Autos, die auf dem Platz verteilt standen, bemerkte ich nichts Ungewöhnliches. Trotzdem krallte sich ein ungutes Gefühl in mir fest. Ich war mir sicher, jemand befand sich in meiner Nähe und beobachtete mich.

Nach einem weiteren kritischen – und zugegebenermaßen paranoiden – Blick über den leeren Platz schüttelte ich den Kopf, um die alberne Befangenheit zu vertreiben, und konzentrierte mich wieder auf mein Handy.

Der Wind frischte auf und brachte die Blätter zum Rascheln. »Avery …«

Das Geräusch war leise und hatte große Ähnlichkeit mit dem Pfeifen des Windes, dennoch hob ich den Kopf und zuckte erschrocken zusammen.

Ungefähr fünf Schritte vor mir stand ein Fremder, den ich auf Anfang zwanzig schätzte. Ich hatte nicht mitbekommen, wann er hergekommen war, aber sein überraschendes Auftauchen und der starre Blick, den er mir unverhohlen zuwarf, verstärkten das Kribbeln in meiner Brust.

Um meine übertriebene Reaktion zu überspielen, erwiderte ich seinen Blick und nutzte die Möglichkeit, ihn kurz zu mustern. Er trug schwarze Bikerstiefel, dunkle Jeans, die an den Knien zerrissen waren, ein dunkles T-Shirt und darüber eine schwarze Lederjacke. Seine helle Haut und die dunkelblonden Haare, die zu einem Undercut geschnitten waren – die Seiten kurz rasiert, das Deckhaar lang –, schimmerten in der grellen Sonne. Einige Strähnen fielen ihm seitlich in die Stirn und er strich sie sich mit einer Hand lässig aus dem Gesicht. Mein Blick fiel auf seine fingerlosen Handschuhe. Strange!

Sein Outfit war jedoch nicht das Auffälligste an ihm. Noch interessanter waren seine strahlend grünen Augen, die deutlich aus seinem markanten Gesicht hervorstachen. Noch nie hatte ich etwas so Intensives gesehen. Es schien beinahe, als würden sie glühen. Trägt er farbige Kontaktlinsen?

Sein Anblick erweckte in mir zwiespältige Emotionen. Unbehagen und Faszination. Ein Teil von mir nahm das Raue und Gefährliche wahr, das er unverhohlen ausstrahlte und das in mir den Wunsch aufkommen ließ, möglichst viel Abstand zwischen uns zu bringen. Ein anderer Teil jedoch konnte den Blick nicht von diesen Augen abwenden.

Einen Moment lang sahen wir uns stumm an, während ich darüber nachdachte, das Schweigen zu brechen. Ich war sonst nicht der Typ, wildfremde Menschen anzusprechen – besonders keine Männer, die eine derart düstere Ausstrahlung besaßen –, aber mein Gegenüber sah mich auffordernd an. Bevor ich mich dazu durchringen konnte, ihn anzusprechen, warf ich einen kurzen Blick über meine Schulter. Vielleicht meint er gar nicht mich. Aber der Parkplatz war leer – wir waren allein.

Als mein Blick wieder auf ihn gerichtet war, erschauderte ich erneut unter seiner intensiven Musterung. Langsam wurde die Situation wirklich unangenehm. »Ähm … kann ich dir helfen?« Meine Stimme klang dünn und unsicher, was mich ärgerte.

Der Unbekannte antwortete nicht, sondern verzog nur minimal seine Mundwinkel. Das schiefe Grinsen, das er auf diese Weise präsentierte, jagte mir trotz der warmen Sonnenstrahlen einen kalten Schauer über den Rücken und brachte mich zum Frösteln. Ich konnte mich gerade noch zwingen, mir nicht über die Arme zu reiben.

Abwartend erwiderte ich seinen harten Blick, wobei es mir immer schwerer fiel, in diese unnatürlich grünen Augen zu sehen. Vielleicht hat er mich nicht verstanden? Ich wollte meine Frage bereits wiederholen, als das Handy in meiner Hand vibrierte. Automatisch senkte ich den Blick auf das Display, konnte jedoch weder einen Anruf noch eine neue Nachricht entdecken. Irritiert kräuselte ich die Stirn. Hatte ich mir das Vibrieren nur eingebildet? Langsam sorgte ich mich um meinen Verstand.

Mit einem schwachen Kopfschütteln vertrieb ich die negativen Gedanken und wollte mich gerade wieder meinem Gegenüber zuwenden, als erneut ein Wispern ertönte, als würde der Wind durch die Bäume fahren und das Laub zum Sprechen bringen.

»Bald, Avery. Bald …«

Ungewollt reagierte mein Körper mit einem weiteren Schaudern und ich blickte auf. Vor mir erstreckte sich ein leerer und verlassener Parkplatz. Perplex sah ich mich nach allen Seiten um, doch zu meiner Überraschung war weit und breit niemand zu sehen.

Der Fremde in der Lederjacke war verschwunden.

 

***

 

Die restlichen Schultage verliefen ähnlich wie die beiden vorherigen, jedoch mit einem gravierenden Unterschied: Das nervende Kribbeln in meiner Brust verstärkte sich mit jedem Tag. Bisher hatte ich Adam nichts davon erzählt, aber mittlerweile wusste ich auch nicht mehr, ob ich es überhaupt noch tun sollte.

Seit dem Vorfall am Montag in der Cafeteria beobachtete er mich immer wieder kritisch. Und dabei habe ich ihm noch nicht einmal von der merkwürdigen Begegnung auf dem Parkplatz erzählt!

Unter normalen Umständen hätte ich Adam sofort davon berichtet, aber er machte sich auch so schon genug Sorgen. Außerdem wusste ich nicht einmal, was ich ihm erzählen sollte. Ich konnte mir ja selbst nicht erklären, was geschehen war.

War der Typ wirklich da, oder habe ich ihn mir nur eingebildet? Diese Frage beschäftigte mich den halben Mittwochnachmittag, ohne dass ich eine Antwort darauf fand. Wenn der Fremde wirklich echt gewesen war, verstand ich nicht, wie er es geschafft hatte, so schnell und lautlos aufzutauchen und anschließend wieder zu verschwinden. Aber wenn er nicht echt war … Diesen Gedanken wollte ich lieber nicht zu Ende führen.

Im Hinblick auf mein eigenes Seelenheil entschied ich, diese Begegnung als skurrile Einbildung abzuhaken und sie zu vergessen. Genauso verfuhr ich mit der Erinnerung an das Erstickungsgefühl in der Cafeteria. Da sich keiner der beiden Vorfälle wiederholte, nahm ich an, dass mir mein Verstand einen Streich gespielt hatte, möglicherweise in Verbindung mit der Aufregung rund um meinen kurz bevorstehenden achtzehnten Geburtstag. Doch die moralische Instanz in meinem Kopf zwang mich zu dem Versprechen, meine Mum und Adam einzuweihen, sollte sich eine dieser merkwürdigen Situationen doch noch wiederholen. Aber erst nach meinem Geburtstag am Sonntag!

 

***

 

Am Freitagnachmittag gingen Adam und ich nach der Schule zum Baker Beach, um eine Runde zu surfen. Harmony und Killian saßen bereits im Flugzeug nach Los Angeles und würden vor Sonntagabend nicht wiederkommen. Noch vor wenigen Wochen war ich wegen dieser Tatsache ziemlich traurig gewesen – schließlich würden sie an meinem Geburtstag nicht anwesend sein –, aber inzwischen hatte ich mich mit dem Gedanken abgefunden und freute mich sogar, den besonderen Tag allein mit meiner Mum und Adam zu verbringen. Vermutlich lag das an Harmony, die in letzter Zeit noch aufgedrehter und zeitweise anstrengender gewesen war als sonst. Und auch wenn ich sie und ihren Bruder gerne um mich hatte – schließlich waren wir Freunde, seit wir zur Highschool gingen –, tat mir und meinen angespannten Nerven eine kleine Pause von diesem Wirbelwind sicher gut.

Adam beendete gerade seinen Bericht über eine Hai-Doku, die er vor Kurzem im Fernsehen gesehen hatte, als wir den warmen, feinen Sandstrand erreichten und sogleich unseren Stammplatz ansteuerten. Doch anstatt sofort ins Wasser zu laufen, legten wir unsere Bretter ab und ließen uns auf den Boden sinken. Das war so ein Tick von uns: Bevor wir mit dem Surfen begannen, hielten wir für einen Moment inne und machten uns bewusst, wie grenzenlos diese Welt war.

Adam und ich lehnten uns nach hinten und stützten uns auf unseren Unterarmen ab. Ich vergrub meine nackten Zehen im warmen Sand, während die pralle Sonne auf uns niederschien und ich meinen Gedanken freien Lauf ließ. Ich dachte an mein schlichtes, aber angenehmes Leben. Nicht viele konnten von sich behaupten, das Glück zu haben, mit ihrem besten Freund in einem Haus im Richmond District zu wohnen. Aufgrund der tollen Lage – genau in der Mitte zwischen der George Washington Highschool und dem Strand – erreichten wir zu Fuß sowohl die Schule als auch unseren Surfplatz. Was super war, weil unser Haushalt nur ein Auto besaß, das meine Mum brauchte, um zur Arbeit zu kommen. Und obwohl man bei ihrer Position als Controllerin in einer großen Bank meinen konnte, dass sie genug Geld verdiente, um ein zweites Auto zu kaufen, war sie nach dem Finanzcrash vor ein paar Jahren froh gewesen, ihren Job zu behalten, besonders da sie als Alleinverdienerin für uns drei sorgen musste.

»Avery?« Adam sprach leise, und beinahe hätte ich ihn zwischen all den kreischenden Möwen, den schreienden Kindern und den Volleyball spielenden Sportlern kaum gehört.

»Hm?« Mit geschlossenen Augen reckte ich mein Gesicht der Sonne entgegen.

»Am Sonntag ist dein Geburtstag und …«

»Ach, der ist schon übermorgen?« Feixend sah ich ihn an. »Das habe ich ja völlig vergessen.« Ich beherrschte zwei Sprachen fließend. Englisch und Sarkastisch. Und weil ich mich für ein Wunderkind hielt, vermischte ich beide Sprachen und brachte sie gleichzeitig über die Lippen.

»Haha, witzig …«

Ich schloss meine Augen und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen. Dabei grinste ich breit. Adam wusste genau, wie sehr ich Geburtstage liebte. Besonders den kommenden. Er war also selbst schuld, wenn er ein Gespräch auf diese Art begann.

»Hör mir lieber zu, Avery. Ich muss dir nämlich etwas erzählen, das mir echt schwerfällt.« Adam klang überraschend ernst und ich schluckte hart, ehe ich mich wieder zu ihm wandte. Seine hellbraunen Augen blickten mich eindringlich an.

»Okay, was ist los?« Es gab nur wenige Situationen, in denen Adam nicht der alberne Idiot war, den ich so liebte. Ich kannte zwar auch diese Seite an ihm, aber sie bedeutete selten etwas Gutes.

Adam atmete tief durch. »Okay, das ist jetzt echt nicht leicht, also … lass mich bitte ausreden, okay?« Er zog seine Knie an die Brust und umschlang sie mit seinen Armen. »Wir beide kennen uns schon seit dem Kindergarten und haben unglaublich viel zusammen durchgemacht …«

Ich nickte zögerlich, biss mir aber fest auf die Zunge, um ihn nicht zu unterbrechen. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Hatte Harmony etwa doch recht gehabt? Konnten Männer und Frauen nicht einfach miteinander befreundet sein? Wollte Adam mir gerade irgendwelche romantischen Gefühle gestehen? Oh Gott, bitte nicht!

»… wir vertrauen einander wie keinem anderen, nicht wahr?« Er wartete meine Antwort nicht ab. »In all der Zeit musste ich ein Geheimnis wahren. Und jetzt ist es an der Zeit, dir die Wahrheit zu sagen.« Adam drehte seinen Oberkörper zu mir herum und wir saßen nun fast frontal voreinander.

Wieder schluckte ich hart.

Oh nein! Nein! Nein!

»Avery, ich …«

»Hilfe!« Der ohrenbetäubende Schrei schrillte durch die Luft. Auf der Suche nach der Ursache des Lärms ließ ich erschrocken meinen Blick schweifen.

Nur ein paar Schritte von uns entfernt saß ein kleines Mädchen mit langen blonden Haaren, die zu zwei Zöpfen geflochten waren. Es trug einen roten Badeanzug und war vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Sein zartes Gesicht war vom Weinen gerötet und aufgedunsen. Das Mädchen umklammerte sein Bein. Zwischen seinen Fingern quoll unaufhörlich Blut hervor, das wenig später im Sand versickerte.

»Adam, schau mal!« Ich deutete auf das Mädchen, ohne meinen Blick von dem Geschehen zu wenden. »Los! Wir müssen helfen!« Leider hatte ich keine Ahnung, was ich tun sollte. Allein bei dem Anblick von Blut rebellierte mein Magen. Da sich offenbar niemand sonst verpflichtet fühlte, musste ich meine aufkeimende Übelkeit überwinden.

Als Adam nicht reagierte, sah ich in seine Richtung, aber er starrte nur stumm auf das Meer, als habe er mich gar nicht gehört.

»Adam?« Ich packte seine Schulter und rüttelte ihn, doch offenbar hatte er nicht vor, mich zu beachten. »Hallo? Was ist los?« War er beleidigt, weil ich ihn unterbrochen hatte? Egal! Jetzt war nicht der richtige Moment, um mir darüber Gedanken zu machen.

Schnell sprang ich auf und lief barfuß über den heißen Sand. Meine Sohlen brannten, doch ich nahm es kaum wahr. Adrenalin rauschte durch meine Adern und hielt mich aufrecht, auch wenn mein Magen inzwischen einem Bleiklumpen Konkurrenz machte.

Vor dem Mädchen ließ ich mich auf die Knie fallen. »Hallo.« Meine Stimme bebte, aber ich zwang mich zu einem Lächeln – die Kleine sollte nicht merken, wie groß meine Angst war. »Was ist denn passiert?« Ich versuchte sie zu beruhigen, denn ihr lautes Weinen nahm mir die Konzentration.

Immer wieder drehte ich mich Hilfe suchend zu den anderen Badegästen um, aber niemand schien uns zu beachten. Was soll der Mist? Sehen die denn nicht, was hier los ist?

Ich wandte mich wieder dem Mädchen zu. »Wie heißt du und wo sind deine Eltern? Mit wem bist du hier?« Die Kleine musste sich verlaufen haben. Wäre ihre Mutter in der Nähe, würde sie das Geschrei ihres Kindes nicht ignorieren können!

Schlagartig hörte sie auf zu weinen und sah mich mit großen, pechschwarzen Augen an. Nicht nur ihre Iris war schwarz, nein das ganze Auge war dunkel. »Du wirst sterben, Avery Marie Harper!«

Unvermittelt ließ ich das Mädchen los und fiel rücklings in den Sand. »Was?« Ich musste mich verhört haben. »Was hast du gesagt?« Wieder bebte meine Stimme, und diesmal konnte ich es nicht wie ein Hirngespinst einfach wegwischen.

Die Kleine hob die Hände und hielt sie mir vor das Gesicht, als würde sie mich berühren wollen. Ihre Handflächen waren leuchtend rot und ihre Finger unnatürlich lang und spitz. Als sie den Mund öffnete, um etwas zu sagen, floss Blut heraus und rann ihr in einem Schwall über die Lippen. »Du wirst an deinem achtzehnten Geburtstag sterben.« Ihre Stimme klang gar nicht mehr hell und kindlich, sondern tief, dunkel und rau. Zu einem alkoholgeschwängerten Kettenraucher hätte sie besser gepasst als zu diesem vermeintlichen Kleinkind.

»Das … das passiert nicht wirklich!« Ich krabbelte rückwärts von dem Mädchen weg. »Das bilde ich mir nur ein!« Mit vor Angst geweiteten Augen krabbelte ich weiter, aber egal, wie sehr ich mich auch anstrengte, ich kam nicht vom Fleck. Die Distanz zu dem Mädchen änderte sich nicht.

»Bald, Avery! Bald komme ich und hole dich!«

Ich öffnete den Mund. Der Schrei, der sich bereits in meiner Kehle gebildet hatte und nun über meine Lippen drang, war so animalisch wie der eines sterbenden Tieres.

 

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