Black - Das Herz der Panther

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»Ich kenne keine Frau, die so kratzbürstig, rechthaberisch und widerspenstig ist wie du. Und auch keine, die so sanftmütig, mutig und liebevoll ist.«

 

Lia führt ein gewöhnliches Leben als Highschool-Schülerin, bis Graham und Alexander Black in ihr Leben treten.

Wieso hat sie plötzlich das ständige Gefühl, beobachtet zu werden. Und wie schaffen es die beiden Brüder, immer zur richtigen Zeit da zu sein, um sie zu retten?

Schnell wird Lia klar, dass die Blacks ein Geheimnis umgibt, das sie unbedingt lüften muss, um die ganze Wahrheit über ihr eigenes Leben zu erfahren.

Aber kann sie den Blacks vertrauen oder sind sie sogar der Grund für die drohende Gefahr?

Soll Lia auf ihr Herz oder ihren Verstand hören?

 Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, bei dem mehr auf dem Spiel steht als nur das eigene Leben.



Lesermeinungen:

"Wer Fantasy mag (was auf euch hier wohl alle zutrifft ;) ), sollte diesem Buch auf jeden Fall eine Chance geben. Es hat mir wirklich sehr gut gefallen und ich freue mich schon sehr darauf, den zweiten Band zu lesen."

- Tamara Holder von Book Dreams

„Black 01 – Das Herz der Panther“ von Lana Rotaru ist eine klare Leseempfehlung für alle Fans spannender, emotionsgeladener Fantasy mit viel Romantik und Dramatik."

- Jasmin Wurzel von Bücherleser


Leseprobe:

Black - Das Herz der Panther

»Du kannst dir nicht vorstellen, mit wem Nick jetzt zusammen ist!«

Bevor ich raten konnte, tauchte unsere Kellnerin auf und unterbrach unsere Unterhaltung. »Was darf ich euch bringen?« Kaugummi kauend stand sie an unserem Tisch und hatte ihren Notizblock für Bestellungen gezückt. Ihr Blick huschte im halb leeren Lokal umher, anstatt uns zu beachten.

Wie immer bestellten Sky und ich zwei Latte macchiato. Einen mit Vanille- und einen mit Nuss-Aroma. Beide mit Süßstoff.

Wir saßen im Buzz Café, unserem Lieblingscafé in Chicago, an unserem Stammplatz. Tisch zehn mit dem extra großen Fenster im Rücken und mit Aussicht auf den Grand Park.

Es war der letzte Tag der Sommerferien und wir hatten vor einer Woche die Qualifikation für die Cheerleading-Championship in Washington D.C. geschafft. Seitdem hatte ich meine beste Freundin nicht mehr gesehen.

Meine Eltern waren die letzte Woche zu Hause gewesen – was dank ihrer Jobs sehr selten vorkam, und ich war gezwungen, Zeit mit ihnen zu verbringen. Aber jetzt konnte ich mich endlich rausstehlen und wollte alles erfahren, was ich in der letzten Zeit verpasst hatte.

Sky zog mich immer auf, weil ich mein Klapphandy so gut wie nie benutzte und zu Hause kein Internet hatte. Sie war der Auffassung, dass ich so das ganze Leben verpassen würde. Aber wozu brauchte man Facebook, Instagram oder Skype, wenn man eine beste Freundin wie Sky hatte?

»Mit wem?«, fragte ich ehrlich neugierig. Viele Mädchen blieben auf unserer Highschool nicht mehr übrig, die Nick noch nicht gehabt hatte.

Nick war Skys Exfreund. Was jedoch nicht viel zu bedeuten hatte. Die beiden waren wie Hund und Katze. Sie konnten nicht miteinander, aber eben auch nicht ohneeinander. Es war ihre Lieblingsbeschäftigung, sich in regelmäßigen Abständen zu trennen und wieder zu versöhnen. Am besten in aller Öffentlichkeit.

»Mit Morgan Chen«, sagte sie und verdrehte dabei lachend die Augen.

Die Bombe war geplatzt und ich sah Sky mit weit aufgerissenen Augen an. »Das ist nicht dein Ernst. Wirklich?«

Ich konnte es nicht fassen. Morgan Chen war das Schulflittchen Nummer eins auf der Lake View High und es gab nur wenige Jungs, die sie noch nicht in ihre Fänge bekommen hatte. Es war ein mathematisches Wunder, dass sie und Nick noch nicht das Vergnügen gehabt hatten. Mein Freund Lucas war Gott sei Dank eine dieser Ausnahmen. Außerdem war Morgan ebenfalls in unserem Cheerleader-Team und nach Sky und mir diejenige mit der längsten Teammitgliedschaft. Sie strebte schon lange den Titel des Teamkapitäns an, doch Sky würde niemals freiwillig den Posten für sie räumen.

»Doch, wirklich. Ich habe es von Suzanna. Sie hat Morgan und Nick zusammen im Autokino erwischt, als sie wild rummachten.«

Ich konnte nur erschüttert den Kopf schütteln. »Hoffentlich hat er sich nichts eingefangen«, erwiderte ich angeekelt.

Sky lachte leise und schüttelte ebenfalls ihren Lockenkopf. »Mir soll’s egal sein. Ich bin fertig mit diesem Kerl.« Sie unterstrich ihre Geste mit einer wegwerfenden Handbewegung. Ich unterdrückte ein Kichern. Es fiel mir schwer, ihr das zu glauben, weil sie diesen Satz bei jeder Trennung sagte und später doch wieder voller Leidenschaft mit Nick Versöhnung feierte.

»Krass. Okay, erzähl mir alles, was letzte Woche noch passiert ist. Was hab ich verpasst?«

Sky strich sich mit ihren langen, dünnen, perfekt manikürten Fingern durch die blonde Lockenmähne und schob sich ihre Markensonnenbrille ins Haar. Ihre grünen Augen funkelten mich amüsiert an.

»Wenn du mit der Technologie gehen würdest, wüsstest du es bereits und ich müsste nicht alte Geschichten aufwärmen«, zog sie mich spielerisch auf und ich boxte lachend gegen ihren Arm.

»Gib’s doch zu, du stehst darauf, Klatsch zu erzählen. Und bei mir triffst du eben immer auf offene Ohren«, sagte ich augenzwinkernd.

»Du hast ja recht«, erwiderte sie ebenfalls lachend.

In diesem Moment brachte die Kellnerin unsere Getränke und zeigte dabei so viel Elan wie ein Komapatient.

Wir bedankten uns und nippten synchron am Glas. Da Sky und ich seit der Kindergartenzeit befreundet waren, hatten wir manche Bewegungen so perfektioniert, dass man uns für Schwestern halten konnte. Oder Klone.

Der Gedanke belustigte und beunruhigte mich zugleich. Rein optisch gesehen hätten wir nicht unterschiedlicher sein können. Sky war einen Meter fünfundsiebzig groß und sehr schlank. Sie hatte perfekte Rundungen und Beine bis zum Hals. In ihrem Cheerleaderkostüm sah sie aus wie eine Göttin. Ich hingegen war gute zehn Zentimeter kleiner als sie und ebenfalls schlank, aber mir fehlten die weiblichen Kurven. Zudem waren meine braunen Haare einfach nur lang und strohig. Wenn ich viel Aufwand betrieb, schaffte ich es, dass sie mir wenigstens ein paar Stunden lang in weichen Wellen über die Schultern fielen. Da mir der Aufwand aber normalerweise zu groß war, machte ich immer nur einen schlichten, einfachen Zopf oder knotete die Haare wie heute zu einem legeren Dutt zusammen.

Außerdem trug Sky, wenn sie nicht unsere Wildcats-Cheerleaderuniform anhatte, kurze, enge Röcke oder schmal geschnittene Jeans, die perfekt auf ihren Hüften saßen. Mich hingegen sah man meist in bequemen Jeans, Motiv- oder Band-T-Shirts und meinen heiß geliebten Converse Chucks.

Manchmal fragten mich Mitschüler, wieso ich Cheerleaderin war, zumal ich das absolute Gegenteil von Sky darstellte. Dann lächelte ich höflich und zuckte mit den Schultern. Die Wahrheit war, dass ich Sky damit einen Gefallen tat. Sie hatte vor Jahren damit angefangen und hatte zu Beginn solche Angst gehabt, es allein zu versuchen, dass ich ihr in einem schwachen Moment anbot, gemeinsam zu starten.

Das war jetzt vier Jahre her und irgendwie hatte ich den Absprung verpasst. Morgen würden wir unser letztes Schuljahr an der Highschool beginnen und ich wollte Sky und die anderen Mädchen nicht mehr im Stich lassen. Also ging ich gemeinsam mit ihr jeden Tag für eineinhalb Stunden zum Training.

Die Tür des Cafés riss mich aus meinen Gedanken. Das Buzz Café hatte einen altmodischen Stil, sodass eine kleine Glocke über der Tür bimmelte, wenn jemand die Räumlichkeiten betrat. So wie jetzt.

Automatisch drehte ich mich um, da ich Lucas, meinen festen Freund und Teamkapitän des »Lake View Highschool«-Basketballteams, erwartete. Wir wollten uns hier treffen und anschließend gemeinsam ins Kino gehen. Ihn hatte ich nämlich in letzter Zeit noch seltener gesehen, was mir schmerzlich bewusst wurde, als ich enttäuscht feststellte, dass nicht Lucas, sondern ein großer, sehr gut aussehender Mann ins Café kam und sich suchend umblickte.

Mir blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. So jemanden hatten wir hier noch nie gesehen. Der Gast hatte dunkelbraune, fast schwarze Haare und bronzefarbene Haut. Seine Haare waren gewollt wirr und sexy nach oben gestylt. Es war die Art von Frisur, die lässig und ungestylt wirken sollte, Männer dafür aber länger vor dem Spiegel stehen ließ als Frauen. Er trug ein hellblaues T-Shirt und schwarze Jeans, die absichtlich alt aussahen. Sein Gesicht war von einer dunklen Markensonnenbrille verdeckt, in der man sich spiegeln konnte, wenn man hineinsah.

Schnell wandte ich meinen Blick ab und der Fremde begab sich zur Theke, um etwas zu bestellen. Vorsichtig schaute ich auf und sah ihm automatisch nach. Wie eine Motte, die vom Licht angezogen wurde. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, dass auch Sky ihn mit offenem Mund anstarrte.

»Ist der heiß«, sagte sie nicht gerade leise und kicherte keck, als er seinen Kopf hob und erneut in unsere Richtung sah.

Ich senkte beschämt den Blick, doch Sky grinste ihn an und winkte lässig. Manchmal vergaß ich, wie schrecklich peinlich es sein konnte, mit ihr auszugehen. Um mich abzulenken, nippte ich an meinem Latte macchiato und schaute demonstrativ aus dem Fenster.

»Lia, sieh dir den Kerl an. Der ist doch sicher Schauspieler oder Model oder so.« Sky sah mich wieder an.

»Shh, Sky. Nicht so laut. Was soll er von uns denken?«, versuchte ich meine Freundin zu beruhigen. Doch sie dachte nicht mal daran, ihre Stimme zu senken.

»Ach, hab dich nicht so. Wie alt er wohl ist? Denkst du, er ist noch Single?« Ein weiteres Mal warf Sky einen betont auffälligen Blick in seine Richtung. Mittlerweile hatte er seine Bestellung aufgegeben. Lässig steckten seine Hände in den Hosentaschen. Im Hintergrund hörte ich das leise Mahlen der Kaffeemaschine, während die Bohnen verarbeitet wurden.

»Hey, Lia, der sieht die ganze Zeit in deine Richtung«, sagte Sky.

»Danke, das habe ich auch bemerkt«, raunte ich ihr genervt zu. Ich spürte seinen Blick in meinem Rücken.

»Ich geh hin und frag ihn nach seiner Nummer. Für dich natürlich«, fügte Sky grinsend hinzu und wollte schon aufstehen, als ich gerade noch ihr Handgelenk packen und sie festhalten konnte.

»Sky Amber Cunningham, wenn du jetzt aufstehst und rübergehst, rede ich nie wieder ein Wort mit dir.« Ich sah sie beschwörend an und sie seufzte theatralisch.

»Okay, du Spaßbremse, du hast gewonnen. Ich bleibe hier. Obwohl er zu schnuckelig ist, um ihn nicht anzusprechen.« Sie zog einen Schmollmund und ich musste lachen.

»Was willst du überhaupt mit ihm? Ist er nicht ein bisschen zu ... viel Mann für dich?«, fragte ich nun kichernd. Im Vergleich zu dem Fremden war Nick, was die Körpergröße und die Muskeln anging, ein Winzling.

»Nein, ich würde schon mit ihm klarkommen. Oder möchtest du ihn lieber haben? Ich meine, er scheint sehr an dir interessiert zu sein. Er lässt dich nicht mehr aus den Augen«, sagte sie grinsend, während sie immer wieder zu ihm rüberschaute.

Ich errötete und schämte mich sehr für meine Freundin. »Du weißt genau, dass ich mit Lucas zusammen bin. Glücklich zusammen«, fügte ich hinzu.

Sky machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber was wäre, wenn es keinen Luke gäbe?«, fragte sie mit hochgezogener Augenbraue.

»Ich hasse deine ›Was wäre wenn ...‹-Spielchen, Sky.« Aber ich wusste aus jahrelanger Erfahrung, dass ich aus der Sache nicht rauskommen würde, solange sie nicht eine Antwort bekam. Also sah ich unauffällig über meine Schulter zur Theke, wo der Typ stand und etwas auf dem Tresen betrachtete. Ich konnte es nicht erklären, aber irgendwie fühlte es sich an, als hätte mein innerer Kompass seine Ausrichtung geändert und würde nun mit aller Kraft auf ihn zeigen. Als wäre dieser Mann ein Magnet, der mich magisch anzog. Ich kannte ihn nicht und war mir sicher, dass ich ihn nie wiedersehen würde, aber in diesem Moment sagte mir mein Bauchgefühl, dass er noch eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben spielen würde.

»Ja, dann wäre ich wahrscheinlich auch ein bisschen interessiert«, gab ich widerwillig zu.

Sky grinste zufrieden und trank den Rest ihres Latte macchiato. »Wusste ich es doch. Mir kannst du nichts vormachen. Ich kenne eben meine Lia-Maus.«

In diesem Moment klingelte mein Handy und ich las die SMS von Lucas.

 

Komme heute nicht mehr. Hab Stress mit meinem Auto. Sehen uns morgen in der Schule. L. – 17.48

 

Genervt seufzte ich und zeigte Sky die SMS.

»Na, umso besser«, sagte sie augenzwinkernd, »dann können wir ja doch noch den sexy Kerl ansprechen.«

Ich schüttelte nur den Kopf. Sie war einfach unverbesserlich.

Wieder sahen wir beide verstohlen zur Theke rüber, wo der Typ gerade seine Bestellung erhielt. Es waren zwei Kaffeebecher zum Mitnehmen. Er nahm beide entgegen und marschierte zur Tür, ohne uns noch einmal anzusehen.

Sky seufzte genervt und rollte mit den Augen. »Na toll, er ist nicht allein hier. Bestimmt sitzt seine bildschöne, ekelhaft perfekte Modelfreundin draußen auf der Bank und aalt sich in der Sonne.« Sie schmollte und widmete sich wieder meinem Urzeit-Handy.

Ich musste grinsen. Wer ist hier ekelhaft perfekt?

»Lia, ich versteh echt nicht, wieso du dir kein Smartphone holst. Dieses Minidisplay und diese Tasten. Das ist so Old School«, jammerte Sky und gab mir meinen Technologie-Klotz zurück.

Nachdem der süße Fremde das Café verlassen hatte, hatte Sky bereits das Interesse an ihm verloren. Ich jedoch schaute ihm aus dem Fenster hinterher und sah, wie er einen der beiden Kaffeebecher an einen anderen Typen reichte. Ich konnte die beiden nicht richtig erkennen, aber im ersten Moment hatte es den Anschein, als wäre der eine die Kopie des anderen. Beide trugen fast die gleichen Klamotten und dieselbe Sonnenbrille. Nur ihre Haare waren unterschiedlich gestylt.

Während meine Gedanken noch draußen bei den beiden Kerlen weilten, war Sky bereits beim nächsten Thema angelangt. Als Kapitän der Cheerleader war sie für die Organisation des Teams, der Auftritte und der Kostüme verantwortlich. Und das nahm sie regelmäßig zum Anlass, uns neue Outfits zu bestellen. Wir sollten nämlich für die nächsten Championships bestens gewappnet sein.

»Wir müssen ab nächster Woche dringend das Training wieder aufnehmen. Diese eine Woche Freizeit war mehr als ausreichend. Ich will nicht, dass wir wie im letzten Jahr bei der Championship versagen.« Skys Blick war ernst und ich wusste, dass ich jetzt wieder den knallharten Teamkapitän vor mir sitzen hatte und nicht mehr meine beste Freundin. Sky konnte zwischen diesen beiden Persönlichkeiten so perfekt hin und her springen, dass einem Ungeübten schwindelig werden würde.

Ich schenkte ihr wieder meine volle Konzentration und lauschte ihren Ideen für die Choreografie. Wir unterhielten uns lange über mögliche Strategien, über das Training im Allgemeinen und über unser Team. Von diesem Thema kamen wir automatisch zu dem Wildcats-Basketballteam. Auf diese Weise landeten wir auch irgendwann wieder bei Lucas und Nick. Von dem attraktiven Fremden sprachen wir an diesem Tag nicht mehr.

 

Nachdem Lucas mir – mal wieder – einen Korb gegeben hatte, waren Sky und ich ins Kino gegangen. Wir brauchten eine Portion Romantik, und das ohne Männer, die uns immer im Stich ließen.

Also sahen wir uns eine dieser romantischen Komödien an, bei denen wir stets an den gleichen Stellen synchron aufstöhnten. Und zwar immer dann, wenn der Mann und die Frau sich aufgrund von Missverständnissen trennten. Zum Schluss, als sie sich liebend in den Armen lagen und der berührende Soundtrack den Abspann einleitete, seufzten wir wohlig und die Welt war wieder in Ordnung.

Ich fragte mich jedes Mal bei solchen Filmen, wieso die beiden Liebenden nicht sahen, was so offensichtlich war. Sie gehörten einfach zusammen.

Nach dem Film fuhr ich Sky nach Hause und begab mich in unser leeres Haus. Meine Eltern arbeiteten beide bei der Delta Airline. Mein Vater als Pilot, meine Mutter als Stewardess. Da sie immer viele Wochen am Stück weg waren, hatte ich unser kleines Haus für mich. Sky und ich nutzen das oft aus, um Pyjama-Partys zu machen. Manchmal schlief auch Luke hier, aber das durften meine Eltern niemals erfahren. Was das »Fester Freund bleibt über Nacht«-Thema anging, waren sie sehr streng.

Ich machte mich für den nächsten Schultag fertig und ging früh zu Bett, ohne noch etwas von Lucas gehört zu haben.

 

Als am nächsten Tag mein Wecker klingelte, war ich unausgeschlafen, weil mich wirre Träume von gut aussehenden Fremden in Cafés verfolgt hatten.

Nach einem kurzen Müsli-Frühstück fuhr ich mit meinem alten, klapprigen und über alles geliebten Chevrolet Cavalier Base zur Lake View High. Während der Fahrt dachte ich an Lucas. Ich hatte ihn gestern Abend nach dem Kino kurz besuchen wollen, damit wir uns wenigstens noch einmal sahen, bevor der Schulalltag begann, aber er hatte mich mit einer lahmen Ausrede abgewimmelt.

In letzter Zeit war er generell sehr beschäftigt und ich hatte ihn kaum mehr zu Gesicht bekommen, seit wir zur Qualifikation nach Los Angeles geflogen waren. Ich wusste, dass ich eigentlich wütend sein sollte, aber ich konnte Luke nie lange böse sein. Die Sehnsucht nach ihm war einfach zu groß. Der bloße Gedanke, dass ich ihn erst in der Mittagspause sehen würde, verhagelte mir gründlich die Stimmung, aber ich konnte es nicht ändern, also versuchte ich, das Beste aus dem Vormittag zu machen.

In der ersten Stunde hatte ich Mathe bei Mr. Miller. Ich hasste dieses Fach und konnte mir beim besten Willen nichts Schlimmeres vorstellen, als an einem Montagmorgen in der ersten Schulstunde nach den Ferien damit gequält zu werden. Aber der Direktor hatte kein Erbarmen mit uns.

Als ich den Klassenraum betrat, war Sky bereits da und tippte auf ihrem Smartphone herum. Generell waren alle Mitschüler sehr auf ihre Handys fixiert und beachteten mich gar nicht, als ich eintrat. Alles war so wie immer.

Ich setzte mich an meinen Platz in der hintersten Reihe neben Sky und stupste sie mit der Schulter an.

»Guten Morgen, du Junkie«, zog ich sie lächelnd auf.

Sie blickte nicht hoch, sondern grinste nur leicht. »Du hast ja keine Ahnung, was du verpasst, also darfst du dir auch kein Urteil über andere bilden«, neckte sie mich und streckte mir frech die Zunge raus.

Ich lachte leise und checkte ebenfalls mein Handy. Lucas hatte mir nicht mehr geschrieben. Genervt steckte ich es zurück in meine Tasche, als unser Lehrer die Klasse betrat. Hinter ihm standen zwei neue Mitschüler, die nun ebenfalls den Raum betraten. Mr. Miller bat die Klasse um Aufmerksamkeit.

Seufzend wandte ich meinen Blick nach vorne, als ich die beiden neuen Schüler erkannte. Ich hatte das Gefühl, als hätte mir jemand einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen. Ich konnte mich nicht bewegen und keinen klaren Gedanken fassen. Für einen kurzen Moment vergaß ich sogar das Atmen.

Unsere neuen Mitschüler waren beide groß, durchtrainiert und hatten tiefbraunes, fast schwarzes Haar. Dem einen fiel es lässig in die Stirn, dem anderen stand es unordentlich, aber sexy vom Kopf ab. Es war die Art Frisur, die aussah, als wäre man nur ein paarmal mit den Händen durch die Haare gefahren. Ihre Haut war braun gebrannt, mit einem Stich ins Goldene. Jeder erkannte auf den ersten Blick, dass die beiden Brüder waren. Zwillingsbrüder.

»Darf ich euch eure beiden neuen Mitschüler vorstellen. Graham und Alexander Black«, sagte Mr. Miller an die Klasse gewandt. Zu den Brüdern sagte er: »Ihr könnt euch dort auf die letzten beiden freien Stühle setzen.«

Mir wurde schlecht, als mir klar wurde, dass Graham und Alexander genau vor Sky und mir sitzen würden. Ich war selbst überrascht, wie sehr mich diese Tatsache aus der Bahn warf. Wie ein hypnotisiertes Kaninchen starrte ich die beiden an, während sie auf ihre Plätze zugingen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass es sämtlichen anderen weiblichen Schülern ebenso erging.

Auch Sky, die wie eine 120-Wattbirne strahlte, schien in den beiden Brüdern die Typen aus dem Café wiederzuerkennen. Zumindest der eine war gestern im Café gewesen. Sein Bruder hatte draußen auf ihn gewartet.

Ich konnte meinen Blick nicht von ihnen reißen. Wenn ich früher gedacht hatte, dass Lucas sich geschmeidig bewegte, dann waren die beiden hier wie Wasser, denn sie glitten zielsicher auf ihre Plätze. Obwohl sie nicht in unsere Richtung sahen, hatte ich das Gefühl, von ihnen beobachtet zu werden.

Schnell senkte ich den Blick auf meine Tasche und kramte meine Mathe-Sachen hervor. So wie die beiden aussehen, gehören sie eher auf das Cover einer Hochglanzzeitschrift als in einen Klassenraum.

Als ich den Blick unauffällig hob, betrachtete ich die Brüder eingehend. Graham war der mit dem Wuschel-Look. Alexander trug seine Haare etwas länger, sie hingen ihm in die Stirn. Bis auf diesen kleinen Unterschied konnte man die beiden auf den ersten Blick nicht auseinanderhalten. Sie trugen ein schlichtes weißes T-Shirt und darüber eine weiche schwarze Lederjacke. Beide hatten einen einfachen schwarzen Rucksack bei sich und waren im Besitz einer braunen Lederarmbanduhr. Trotz des mir unbekannten Labels sahen ihre Sachen teuer und edel aus. Offensichtlich hatten sie viel Geld, wollten es aber nicht an die große Glocke hängen.

Ein Umstand, der hier sehr selten bis nie vorkam. Es machte sie irgendwie sympathisch.

An der Lake View schmückten sich alle gerne mit dem Vermögen ihrer Eltern und versuchten, sich mit protzigen Autos, teurer Kleidung und ähnlichen Statussymbolen gegenseitig zu übertrumpfen. Graham und Alexander hatten das offenkundig nicht nötig.

Während die Blacks leise miteinander sprachen, musterte ich ihren Körperbau. Beide hatten ein breites Kreuz. Als sie ihre Lederjacken auszogen, bestätigte sich der Eindruck, den ich gestern im Café gewonnen hatte. Sie schienen nicht nur sportlich zu sein, sie waren regelrecht muskulös.

Sky, der das Gen für Empathie fehlte, hatte absolut kein Gespür für Situationen, in denen man besser den Mund hielt, und so plapperte sie auch jetzt einfach drauflos: »Wow, das ist Schicksal, Lia. Es gibt gleich zwei von ihnen!«

Alexander drehte sich kurz zu uns um und grinste spöttisch, während Graham seinen Kopf in den Händen vergrub.

Ich lief schamrot an und bohrte meinen Blick in die Tischplatte in der Hoffnung, dass Sky den Wink verstand. Doch sie plapperte einfach weiter.

Zum Glück begann Mr. Miller, der gerade etwas über den Lehrplan erzählte, Blätter zu verteilen, die nach hinten durchgereicht werden sollten. Als Graham den restlichen Stapel in der Hand hielt, gab er seinem Bruder ein Blatt ab, legte ein weiteres Blatt vor sich auf den Tisch und drehte sich zu mir um. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich ihn schon wieder anstarrte, bis ich seinen feindseligen Blick bemerkte. Wortlos reichte er mir die letzten beiden Exemplare und drehte sich wieder nach vorne um. Alexander grinste überheblich zu Graham rüber und drehte sich dann leicht in meine Richtung.

Als ob das an Peinlichkeit noch nicht genug war, zwinkerte er mir auch noch machohaft zu und lachte leise vor sich hin. Hinzu kam, dass ich Grahams unterdrücktes Schnauben hörte und seine dazu gemurmelten Worte: »Typisch Cheerleader!« Ich wäre am liebsten auf der Stelle im Erdboden versunken.

Fassungslos starrte ich in Grahams Richtung. Wie konnte er es wagen? Er kannte mich doch gar nicht. Und woher wusste er überhaupt, dass ich Cheerleaderin war? Dann fiel mir ein, dass wir gestern darüber gesprochen hatten. Hat er das etwa gehört? Hat er uns belauscht?

Ich war sprachlos.

Den Rest der Stunde versuchte ich, mich auf den Stoff zu konzentrieren. Mr. Miller erzählte etwas von der Gaußschen Glockenkurve, aber ich verstand kein Wort. Sky schob mir ständig Zettel zu, auf denen sie mir mitteilte, wie begeistert sie von den beiden neuen Mitschülern war. Sie fragte, welchen ich von den beiden süßer fand.

Das war eine gute Frage, denn sie sahen beinahe identisch aus – als hätte man sie geklont. Nur an ihren Haaren konnte man sie unterscheiden. Und an ihren Augen.

Alexanders Augen schimmerten in einem Grünton und es sah aus, als würde man einen Smaragd gegen das Licht halten. So etwas Intensives hatte ich noch nie gesehen, so viele verschiedene Facetten und dazu dieses amüsierte Blitzen an der Iris. Alexander musste Kontaktlinsen tragen, eine solche Augenfarbe konnte nicht natürlich sein.

Bei dem Gedanken an Grahams Augen lief mir ein eisiger Schauer über den Rücken. An den äußeren Rändern der Pupille glänzten sie wie Bernstein, um zur Mitte hin heller zu werden, wo sie wie klarer Honig schimmerten. Die Augen waren so strahlend, als würde man in flüssiges Gold blicken.

Während ich meinen Gedanken nachhing, merkte ich gar nicht, dass Mr. Miller mit vor der Brust verschränkten Armen vor mir stand und mich fragend ansah. Er erwartete eine Antwort auf eine Frage, die ich nicht gehört hatte.

»Ms. Bennett, möchten Sie an meinem heutigen Unterricht teilnehmen oder wollen Sie lieber weiter«, er blickte leicht genervt auf meinen Collegeblock, »Ihre Notizen mit schlechten Zeichnungen verunstalten?« Kopfschüttelnd drehte er sich um und trat wieder vor die Klasse.

Mein Gesicht glühte vor Scham, als meine Mitschüler zu kichern begannen und mich belustigt ansahen. Graham hingegen starrte wütend auf meinen Block, während Alexander süffisant grinste. In diesem Moment wurde mir klar, was ich gerade zu Papier gebracht hatte. Von meinem Collegeblock starrten mich grinsende Augenpaare an. Und dezent dazwischen verteilt starrten mir düstere Augen entgegen, als wollten sie mich mit ihrem Blick töten.

 

Nach der Peinlichkeit der ersten Stunde war ich den restlichen Tag verschont geblieben. Ich hatte zwar noch eine weitere Stunde – Englisch – am Morgen mit den beiden, aber diesmal war ich auf sie vorbereitet. Als sie vorgestellt wurden, sah ich demonstrativ nicht auf und war erleichtert, als Graham und Alexander ein ganzes Stück von mir entfernt Platz nahmen.

Der Vormittag verlief ohne weitere Vorkommnisse. In der Mittagspause ging ich zusammen mit Sky in die Cafeteria und wir widmeten uns einem anderen Thema: Nick.

Während wir uns mit beladenen Tabletts an unseren Stammplatz setzten, fragte ich Sky, ob sie Nick nicht auf Morgan ansprechen wolle. Doch sie schüttelte den Kopf.

»Wozu denn? Wenn er sich eine neue Freundin sucht, suche ich mir eben einen neuen Kerl. Bestimmt gebe ich mir nicht die Blöße und mime die verlassene, eifersüchtige Exfreundin.« Ihre Locken wippten aufgeregt, als sie verneinte. »Außerdem ist gerade heute das Männerangebot wesentlich interessanter geworden«, sagte sie augenzwinkernd.

Ich seufzte leise, denn wenn Sky sich einmal an jemanden geheftet hatte, würde man sie nicht mehr von dem Thema abbringen können. Es war schwer zu beschreiben, aber irgendwie hatte ich bei den beiden Neuen ein komisches Gefühl. Ich hoffte, dass Lucas gleich kam, damit wir dieses Thema beenden konnten, bevor es richtig losging. In seiner Gegenwart würde ich das Gefühl, beobachtet zu werden, hoffentlich abschütteln können.

Automatisch warf ich wieder einen Blick über die Schulter, um meinen imaginären Verfolger ausfindig zu machen, doch die Cafeteria war so belebt und laut wie immer, dass ich nichts Ungewöhnliches entdecken konnte.

»Erde an Lia, Erde an beste Freundin«, sagte Sky und schnippte mit ihren Fingern vor meinem Gesicht herum. »Aufwachen, Prinzessin!«, imitierte sie Lucas perfekt und ich sah erschrocken auf, denn ich hatte nicht mitbekommen, dass sie offenbar die ganze Zeit mit mir gesprochen hatte.

Lucas nannte mich immer »Prinzessin«, aber bei ihm klang es sarkastisch oder wertend, sodass ich es abgrundtief verabscheute, wenn er mich so nannte. Selbst wenn ich ihn hundert Mal darum bat, es sein zu lassen, machte er es trotzdem immer wieder, nur um mich aufzuziehen. Seine Art des liebevollen Foppens.

Verlegen schaute ich Sky an und spürte, wie ich errötete. »Sorry, Sky, irgendwie bin ich heute nicht bei der Sache. Was hast du gesagt?«

Sky war eine viel zu gute Freundin, als dass sie mich damit aufziehen würde. Ohne eine Miene zu verziehen, nahm sie den Faden wieder auf. »Ich sprach gerade von den Blacks. Hast du die beiden gesehen? Sehen die nicht noch heißer aus als gestern im Café? Ich meine, so von Nahem ist es fast unmöglich, sie nicht anzustarren. So was brauchten wir hier wirklich dringend. Alle anderen Jungs auf der Lake View sehen irgendwie aus wie ...« Sie suchte nach dem passenden Wort und kicherte wie eine typische Cheerleaderin. »Wie Jungs eben«, schloss sie ihre Ausführungen.

Ich musste an Grahams Worte denken. Leichte Wut machte sich in mir breit und ich hatte das unbändige Bedürfnis, Sky und auch alle anderen Cheerleader – mich selbst eingeschlossen – zu verteidigen. Doch Sky ließ es nicht dazu kommen.

»Aber die Blacks«, sie schnurrte, als sie den Namen aussprach, und verdrehte träumerisch ihre grünen Augen, »sehen aus wie richtige Männer. Was denkst du, wie alt sie sind? Wieso wechseln sie ausgerechnet im Abschlussjahr die Schule? Wo sie wohl wohnen? Denkst du, sie haben Freundinnen?« Sky plapperte weiter und ich war froh, ihr nicht antworten zu müssen. Hatte sie erst mal diesen Modus eingelegt, würde sie die Unterhaltung eine ganze Zeit lang allein bestreiten, auch ohne dass ich etwas beisteuern musste.

Das verschaffte mir Zeit, meinen eigenen Gedanken über die Blacks nachzugehen und das undefinierte Gefühl in meinem Magen genauer zu bestimmen. Immer wenn ich an Graham und Alexander Black dachte, sah ich wieder ihre Augen vor mir, wie mich die einen spöttisch angrinsten, als wüssten sie mehr, als sie sollten, und wie die anderen finster starrten, als wäre ich ein ekelhaftes Insekt. Wie können Zwillinge nur so unterschiedlich sein?

Erneut überlief mich unangenehmer Schauer und ich kam mir dumm vor. Ich kannte die beiden gar nicht und sie mich ebenfalls nicht. Wieso hatten sie nur so eine Macht über mich? Ich hatte nur wenige Kurse mit ihnen, und die würde ich schon irgendwie rumbekommen. Ich musste ja nicht mit ihnen reden.

Mit dieser neuen Entschlossenheit ging es mir schon wesentlich besser und ich wandte mich wieder lächelnd Sky und ihrem Monolog zu. Sie plapperte gerade etwas vom Homecoming Ball und welcher der beiden Blacks sie wohl einladen würde. Als sie das nächste Mal Luft holte, antwortete ich ihr möglichst gleichgültig auf eine ihrer vielen Fragen. Dabei nippte ich an meiner Coke light.

»Sky, du kannst gerne beide haben. Mir sind sie egal. Lucas ist viel heißer. Außerdem ist er der Kapitän des Basketballteams. Die beiden Blacks spielen bestimmt im Schachclub mit«, sagte ich mit einem lässigen Schulterzucken. Sofort bereute ich meine Worte. Ich wusste, dass der letzte Satz ein Tick zu viel des Guten gewesen war.

Meine beste Freundin wollte gerade ihr Glas heben, verharrte jedoch mitten in der Bewegung und blickte mich mit einer hochgezogenen Augenbraue skeptisch an. »Im Schachteam? Wirklich?«, fragte sie lächelnd.

Ich wusste selbst, dass ich mich damit verraten hatte, aber nun war es zu spät und ich konnte nur Schadensbegrenzung betreiben. »Naja, ich glaube einfach nicht, dass sie Basketball spielen. Sie wirken eher wie Einzelgänger. Lucas würde auch niemals Konkurrenz neben sich zulassen.« Sky blickte mich weiter skeptisch an, sagte zum Glück jedoch nichts mehr.

Ich seufzte und wollte gerade das Thema wechseln, als Sky mir zuvorkam. »Okay, wenn du das so siehst, dann bleiben eben beide für mich übrig. Umso besser. Ich hatte noch nie Brüder. Und erst recht keine Zwillinge«, sagte sie mit einem doppeldeutigen Grinsen.

Ich konnte nur lachend den Kopf schütteln. »Du bist einfach unverbesserlich, Sky.«

Sie zuckte unschuldig mit den Schultern. »Immerhin kann ich mich so von Nick ablenken«, war ihre Ausrede, aber in ihre Augen trat ein verräterisches Glänzen, sodass ich mir sicher war, dass sie Nick längst vergessen hatte.

Eigentlich hätten mich Skys Absichten nicht weiter stören dürfen, immerhin war das die Sky, die ich seit dem Kindergarten kannte, aber bei dem Gedanken, dass sie sich mit den Blacks anfreundete oder sogar etwas mit einem von ihnen anfing, krampfte sich meine Brust zusammen. Ich konnte es nicht genauer erklären, aber es fühlte sich einfach grundlegend falsch an.

Du bist eifersüchtig, rief mir mein Unterbewusstsein grinsend entgegen und ich unterdrückte es mit aller Gewalt. Gewiss war ich nicht eifersüchtig.

»Wo ist eigentlich Lucas mit dem restlichen Team?« Skys Stimme riss mich aus meinen Gedanken. In diesem Moment bemerkte ich erst, dass die Mittagspause fast vorbei war und wir allein an unserem Stammtisch saßen. Beschämt fiel mir auf, dass ich keinen ernsthaften Gedanken an Lucas’ Fernbleiben verschwendet hatte. Die ganze Pause lang hatten sich meine Gedanken wie die einer Närrin um die beiden neuen Mitschüler gedreht, auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte.

Die Schulglocke läutete das Ende der Pause ein. Sky stand auf und ich blieb ihr eine Antwort schuldig.

Ich schnappte mir mein unberührtes Tablett und brachte es zurück zur Ausgabe. Der Appetit auf meinen Salat war mir gehörig vergangen. Auch meine Coke war nicht leer geworden.

Erneut suchte ich in der vollen Cafeteria nach dem großen Blondschopf, der mir so vertraut war. Aber meine Suche blieb erfolglos.

Mit hängenden Schultern machte ich mich auf den Weg zum nächsten Kurs, den ich normalerweise mit Lucas, Sky und Nick gemeinsam hatte. Ich hoffte für meinen Freund, dass er nicht schon am ersten Tag schwänzen würde, denn das würde ich ihm nicht durchgehen lassen. Zwar hatten seine Eltern gute Beziehungen und ihm war ein Platz an der UIC versprochen, damit er bei den Flames mitspielen konnte, dennoch würde ich dafür sorgen, dass seine Noten gut blieben. Auch ein Sportstipendium erforderte angemessene Noten. Außerdem wollte ich nicht mit einem Highschool-Klischee zusammen sein – einem Sportler, der nichts anderes im Kopf hatte außer Bälle.

Über meine eigenen Gedanken lächelnd musste ich fast joggen, um hinter Sky herzukommen. Dank ihrer langen Beine war sie bereits einige grazile Schritte vor mir.

Auch in den nächsten vier Stunden sah und hörte ich nichts von Lucas. Dasselbe galt für Nick und die restlichen Wildcats-Mitglieder. Als es nach der letzten Stunde klingelte, war ich so genervt, dass ich Lucas umbringen wollte, wenn ich ihn das nächste Mal sah.

Sky plapperte etwas von Shoppen und Besuch in der Mall, aber ich wollte nur noch nach Hause. Lucas hatte tatsächlich am ersten Schultag geschwänzt. Ich konnte es nicht fassen. So ein Blödmann!

Mit wütenden Schritten ging ich zielstrebig neben Sky in Richtung Parkplatz. Gleich würde ich in voller Lautstärke die Ramones hören. Das würde meine Laune wieder heben. Besonders wenn ich daran dachte, dass Lucas diese Musik hasste. Auch wenn er es nicht mitbekommen würde, hatte ich so zumindest das Gefühl, ihm damit eins auszuwischen.

Auf dem Schulparkplatz, der morgens immer überfüllt war, waren jetzt, nach der letzten Stunde, nur noch wenige Schüler unterwegs. Daher fiel die große Gruppe, die in der Nähe meines Autos stand, umso mehr auf. Sie alle trugen dieselben Basketballjacken. Ein blonder Haarschopf stach aus der Menge besonders hervor. Lucas würde ich mit seiner Größe von über zwei Metern immer und überall erkennen.

Für einen winzigen Moment überlegte ich, ob ich ihn einfach stehen lassen sollte. Doch als hätte er meine Gedanken gelesen, drehte er sich in meine Richtung und grinste mich lausbübisch an. Augenblicklich schmolz mein Herz und alle Wut war verflogen. Fröhlich tänzelte ich auf die Gruppe zu.

Sky schritt mit erhobenem Kopf und wehenden Haaren neben mir her. Ganz das Bild einer Kriegerprinzessin auf High Heels. Es war manchmal wirklich einschüchternd, so eine schöne Freundin zu haben. Ich betrachtete sie aus den Augenwinkeln. Sie trug einen kurzen Jeansrock, der ihre makellosen langen Beine betonte. Mit den High Heels war sie beinahe einen Meter neunzig groß und sah aus wie eine Gazelle. Ihr pinkes Top rutschte ihr auf die Taille und entblößte ein wenig von ihrem perfekten Bauch, der, ebenso wie ihr gesamter Körper, braun gebrannt war. Sie war wirklich eine Schönheit und es wunderte mich nicht, dass alle Jungs auf sie standen.

Endlich hatten wir die Gruppe der Jungs erreicht und ich steuerte direkt auf Lucas zu. »Hey, Luke«, sagte ich überschwänglich und wollte mich schon in seine Arme werfen, als ich über meine eigenen Füße stolperte. Ich wäre zu Boden gestürzt, hätten mich nicht zwei starke Arme aufgefangen. Als ich meinen Blick hob, um zu sehen, wer mein Retter war, blickte ich in ein Paar spöttisch grinsende grüne Augen.

»Hoppla, immer schön langsam.« Mein Retter hatte ein strahlendes weißes Lächeln und seine Augen blitzten amüsiert auf. Er war die perfekte Besetzung für eine Zahnpasta-Werbung. Ach, was soll’s: Er war die perfekte Besetzung für jede Art von Werbung.


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